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Als sie aus dem Fenster sah, graute dem Morgen

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Peter Schmachthagen
Kolumne Deutschstunde

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Foto: HA

Oder graute der Morgen? Beides ist möglich. Etwas über Homonyme, Umdeutungen, Jiddisch und einen Buchdrucker aus Lübeck.

Hamburg. Weil die Frau nach 40-jähriger, inzwischen ziemlich abgekühlter Ehe am Frühstückstisch etwas vermeintlich Gehobenes zu ihrem Mann sagen wollte, begann sie: „Als ich nach dem Aufstehen aus dem Fenster sah, graute ‚der‘ Morgen.“ Der Mann blickte nur kurz von seiner Zeitung auf und knurrte zurück: „Nein, als du aus dem Fenster sahst, graute ‚dem‘ Morgen!“

Hierbei handelt es sich natürlich um einen Witz mit der Grammatik. Fatma hingegen, deren Deutsch-Kursus coronabedingt zurzeit ausfällt, hat die Pointe nicht verstanden. „Deutschland schön“, meinte sie, „aber Sprache schlimm!“ Zum Verständnis müsste sie zwischen „grauen“ und „grauen“ unterscheiden können. Wir haben es mit Homonymen zu tun, mit Wörtern, die äußerlich gleich sind, sich aber in Bedeutung und Grammatik unterscheiden.

Unterschiedliche Bedeutungen der Verben „grauen“

Zum einen hat das schwache Verb „grauen“ den Sinn „dämmern, grau werden“: Als ich heute Morgen zur Arbeit fuhr, begann es schon „zu grauen“ – oder etwas einfacher ausgedrückt: Es wurde langsam hell. Das andere, ebenfalls schwache Verb „grauen“ in der Bedeutung „sich fürchten vor“ wird meistens mit dem Dativ verbunden: „Mir“ graut vor der Prüfung. Dass auch der Akkusativ erlaubt ist, macht den Fall nicht leichter, sondern verdoppelt die Zahl der möglichen Fälle: „Mich“ graut vor dieser Begegnung.

Der Morgen ist, wenn er graut oder ihm graut, als Wortart ein Substantiv, als Satzteil jedoch entweder ein Subjekt im Nominativ (Frage: wer?) oder ein Objekt im Dativ (wem?). Wenn es oder ihm aber „heute Morgen“ graut, ist diese Fügung als Teil des Satzes eine adverbiale Bestimmung der Zeit und „heute“ als Wortart ein Adverb.

Die Tageszeiten nach Adverbien werden seit der Rechtschreibreform als Substantive angesehen und großgeschrieben: vorgestern Nacht, gestern Abend, morgen Mittag, heute Nachmittag. Hängt an den Tageszeiten jedoch ein -s, wandelt sich die Wortart zurück zum Adverb – und Adverbien werden kleingeschrieben: morgens, mittags, abends, nachts.

„Unter aller Sau“ kommt aus dem Jiddischen

Fatmas Augen wurden größer und größer. Man sah, ihr graute vor der deutschen Grammatik und Rechtschreibung. „Ja, die sind wirklich unter aller Kanone!“, versuchte ich sie zu trösten. Fatmas Augen wurden noch größer: „Kanone? Schießen?“ Ich hatte unbedachterweise eine Umdeutung benutzt, denn „Kanone“ ist die umgangssprachliche, aber sinnwidrige Anpassung an ital. cannone zu lat. canna (Rohr), obwohl eigentlich das lat. Wort canon (Regel, Gesetz) gemeint war: sub omni canone (unter jeder Richtschnur). Manchmal sagen wir auch „unter aller Sau“.

Diese Sau hat jedoch nichts mit einem Bauernhof zu tun, sondern ist vom jiddischen seo (Maßstab) abgeleitet. Das Jiddische war die von den Juden in Osteuropa gesprochene Sprache, deren Wortschatz sich hauptsächlich aus mittelhochdeutschen, hebräisch-aramä­ischen und slawischen Elementen zusammensetzte. Über das Rotwelsche, die Geheimsprache gesellschaftlicher Randgruppen, drangen viele Ausdrücke in die deutsche Umgangssprache.

„Verballhornung“: Entstehung in Lübeck

„Rot“ hieß der lügend und betrügend umherziehende Berufsbettler, und als „welsch“ galten die romanischen Sprachen. Weil man sie nicht verstand, war eine welsche Redeweise eine unverständliche Redeweise. Daher stammt auch der Ausdruck „Kauderwelsch“ (kaudern – hausieren).

Die Verballhornung „blaumachen“ (nicht arbeiten) gehört zu jidd. belo (ohne), „Schmiere stehen“ zu jidd. schmiro (Wache), „Mordskerl“ zu Romani morsch (Hengst, Mann), „ohne Moos nichts los“ zu jidd. moess (Geld), „im Eimer sein“ zu jidd. emo (Furcht) sowie „flöten gehen“ zu jidd. plejta (Flucht). Wer „Pleite machte“, begab sich auf die Flucht vor seinen Gläubigern.

Der weit verbreitete Ausdruck „Verballhornung“ entstand übrigens in Lübeck: Der Buchdrucker Johann Ballhorn (1528 bis 1603) hatte dort 1586 eine Ausgabe des „Lübischen Rechts“ veröffentlicht, den Satz jedoch ohne vorherige Korrektur in den Druck gegeben. Sein Werk enthielt derart viele Fehler, Drehungen, Klitterungen und auf unfreiwillige Weise sogar neue Wörter, dass ihm die zweifelhafte Ehre zuteilwurde, das Verb „verballhornen“ von seinem Namen abgeleitet zu sehen.

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