Meinung
Leitartikel

Corona und Kanzlerschaft: Eine Chance für Scholz

| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Iken
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Der SPD-Kandidat hat die Pandemie als Schlüssel zum Kanzleramt entdeckt. Es zeigt auch die strategische Ahnungslosigkeit der Union.

Wäre der Wahlkampf ein Strategiespiel, in der vergangenen Woche könnte sich die Ausgangslage für die Bundestagswahl im September verändert haben: Galt bislang als ausgemacht, dass die SPD fast chancenlos vor dem Gang in die Opposition steht, haben sich die Sozialdemokraten nun eine neue Perspektive erarbeitet: Sie haben nicht nur ein Thema gefunden, dessen Wucht in den kommenden Wochen noch deutlich zulegen dürfte, sondern auch einen der Ihren an zentraler Stelle untergebracht: Der frühere­ Bergedorfer Bezirksamtsleiter Christoph Krupp (SPD) wird Sonder­beauftragter für die Produktion von Corona-Impfstoff. Damit nimmt ein enger Vertrauter des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz eine Schlüsselposition ein.

Es zeigt zweierlei: das taktische Geschick des früheren Hamburger Bürgermeisters – und die strategische Ahnungslosigkeit der Union: Wie man ohne Not den langjährigen Chef der Senatskanzlei ins Haus holen kann, weiß wahrscheinlich nur Krupps neuer Chef, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

Corona: Zunächst punktete die Union

Denn die Strategie der SPD ist nicht allzu schwer zu durchschauen – sie will ihren Nachteil des Jahres 2020 in einen Vorteil im Jahre 2021 ummünzen: In den ersten Monaten der Pandemie, als Deutschland besonders geschickt durch die Krise zu steuern schien, galten die Unions-Spitzenpolitiker als Garanten des Erfolges: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Mahner und Warner Markus Söder (CSU) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU). Einen Winter des Missvergnügens später sieht es so aus: Hierzulande bleiben die Corona-Maßnahmen zwar schärfer als in vielen anderen Staaten, die Bilanz fällt trotzdem schlechter aus – in den vergangenen Monaten starben in Deutschland besonders viele Menschen.

Und so wächst laut Umfragen die Unzufriedenheit mit der Corona-Politik. Und dieser Unwille richtet sich vor allem gegen Unionspolitiker: gegen einen überforderten Wirtschaftsminister, der die Unternehmen hängen lässt, gegen einen Gesundheitsminister, der seine Versprechen nicht halten kann, gegen eine Bildungsministerin, die erschütternd gelassen geschlossene Schulen akzeptiert – und eine Kanzlerin, die ihr Volk nicht mehr erreicht. Und im Kreuzfeuer der Kritik steht die CDU-Politikerin Ursula von der Leyen in Brüssel.

"Kopflose Führung"

Da darf man den Wutausbruch des Kanzlerkandidaten Scholz durchaus kalkuliert nennen: Die Impfstoff-Bestellung sei „richtig scheiße gelaufen“, schimpfte er vor gut zwei Wochen über die EU. Und nun assistierte sein Vertrauter Wolfgang Schmidt, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, er werde „langsam sauer auf“ von der Leyen & Co. In der Tat hätte man in vielen Unternehmen einer so kopflosen Führung längst den Laufpass gegeben: Erst lässt sich die EU-Kommission bei der Impfstoff-Beschaffung von den Brexit-Briten abhängen, dann werden in Brüssel die Impfstoff-Entwickler wie Biontech und AstraZeneca verantwortlich gemacht.

Wenn es nun bald besser läuft, wird Scholz auf Christoph Krupp verweisen. Der Kanzlerkandidat weiß, mit welchem Slogan er einst 2011 die absolute Mehrheit der Sitze bei der Bürgerschaftswahl eroberte: mit dem Versprechen vom „ordentlichen Regieren“. Mit einer Mischung aus Opposition und ordentlichem Regieren will er die SPD im Rennen wieder nach vorne bringen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das gelingt. Für Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) erfordert die neue Schwerpunktsetzung eine Kurskorrektur – viele Deutsche wähnen ihn seit seinen Corona-Auftritten treu an der Seite der Kanzlerin. Auf die Absetzbewegung darf man schon jetzt gespannt sein.

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