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Dialekte in Deutschland: Am unbeliebtesten sind die Sachsen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Peter Schmachthagen schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

… aber nur, wenn sie Sächsisch reden. Etwas über die Rangfolge der Dialekte und den Knallköm in Hamburg.

Hamburg. Wissen Sie, was ein Idiotikon ist? Lassen Sie sich nicht aufs Glatteis führen! Bei einem Idiotikon handelt es sich weder um eine der üblichen Talkshows im deutschen Fernsehen noch um die Handlungsweise bestimmter Kommissarinnen in Brüssel, es geht vielmehr um ein Wörterbuch.

Allerdings haben wir es, um die letzten Missverständnisse auszuräumen, nicht etwa mit einem Wörterbuch für, von oder über Idioten zu tun, sondern mit einem Mundartwörterbuch, das auf eine bestimmte Sprachlandschaft begrenzt ist. Zwar liegt dem Fachbegriff das griech. idiōticós zugrunde, aber nicht im Sinne von „eigentümlich, ungebildet“, eher in der Bedeutung „volkstümlich“.

Interesse an Dialekten steigt

Das erste Mundartwörterbuch für die Region Hamburg war das „Idioticon Hamburgense“ oder „Wörter-Buch Zur Erklärung der eigenen, in und üm Hamburg gebräuchlichen, Nieder-Sächsischen Mund-Art“, das Michael Richey 1743 herausgegeben und 1755 stark erweitert hatte.

Das Interesse an Dialekten und an vom Aussterben bedrohten Sprachen steigt. Die Unesco rief den Internationalen Tag der Muttersprache ins Leben, was allgemein begrüßt wurde. Ein Dialekt ist die regionale Variante einer Sprache. Das Hochdeutsche hat zahlreiche Dialekte ausgebildet. Wer sich als Norddeutscher vor Corona ohne Vorwarnung südlich des Mains auf die Kirmes oder in ein Bierzelt begab, musste bald nach einem Dolmetscher rufen.

Sächsisch ist der unbeliebteste Dialekt in Deutschland

Nach einer früheren Allensbach-Umfrage ist Sächsisch der unbeliebteste Dialekt in Deutschland, was kaum an der Sprachmelodie liegen dürfte. Vielmehr muss diese Abneigung historische Gründe haben. Die Sachsen brachten es über Jahrhunderte fertig, immer auf der falschen Seite zu kämpfen, und dann ging aus ihnen auch der verhasste Spitzbart Walter Ulbricht hervor, der im breiten Sächsisch erklärte, niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten – und der sie wenige Tage später doch bauen ließ. Am beliebtesten ist das Bairische, das
als Sprache mit „i“ und nicht mit „y“
geschrieben wird. An dritter Stelle der Beliebtheitsskala steht Berlinisch vor Schwäbisch.

Und an zweiter Stelle? Dort wird norddeutsches Platt aufgeführt. Bevor ich nun mit einer Flut von Protesten überschwemmt werde, sei gleich gesagt, dass Plattdeutsch, wie der Eigenname des Niederdeutschen bei uns lautet, kein Dialekt, sondern eine Sprache ist! Das Hochdeutsche war bis ins vorige Jahrhundert hinein im Norden nicht die Muttersprache, sondern eine Fremdsprache. Deshalb haben sich hier auch keine hochdeutschen Dialekte ausgebildet, aber viele Varianten der niederdeutschen Mundarten.

„Knallköm“ kann mit Sekt übersetzt werden

Typische Ausdrücke und Schnacks (Redensarten), die abweichend vom Hochdeutschen an Elbe und Alster zu hören sind, bezeichnen wir als das Hamburgische. Dabei sollten wir den Sprachraum nicht zu eng fassen, sondern das Umland mit einbeziehen.

Sogar die Koch-, Bastel- und Ratgebersendung „ARD-Buffet“ präsentierte vor einiger Zeit im Ersten täglich zwei Dialekt-Rätsel. Einmal sollte der Ausdruck „Knallköm“ erraten werden. Für Quiddjes (in Hamburg Zugezogene) sei das genau erklärt: „Köm“ bedeutet Kümmel, Korn oder klarer Schnaps, „Knallköm“ jedoch ein Getränk, dessen Korken beim Öffnen mit lautem Knall aus der Flasche fliegt. Dann haben wir es natürlich nicht mehr mit Schnaps, sondern mit Sekt zu tun, bei dem es für einen „Kömkopp“ (Säufer) schwieriger ist, sich in der „Köminsel“ (Eckkneipe) einen „Kömduuntje“ (Rausch) anzutrinken.

„Klötenköm“: Eine mehr oder weniger schöne Bezeichnung für „Eierlikör“

Es gibt in Hamburg auch den „Klötenköm“, ein dickflüssiges, gelbes, klebriges Gesöff, das beschönigend als „Eierlikör“ bezeichnet wird und sich höchstens für die „Froonslüüd“ beim Kaffeeklatsch oder als Geschenk für Tante Frieda zum 70. Geburtstag eignet. Die Bezeichnung leitet sich von „Klöter“ (fades Getränk) ab und nicht etwa von „Klüüt“ in der Nebenbedeutung „Hoden“, der vulgär ja auch so gebraucht wird wie ein Hühnerprodukt mit zwei Buchstaben.

Aber das riecht ein wenig nach einem lauten Stammtisch, wie ihn der Lockdown zurzeit verbietet.

deutschstunde@t-online.de

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