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Football hat das Potenzial zur Nummer zwei

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Björn Jensen
Björn Jensenist ist Chefreporter im Sportressort und würde sich am Wochenende über einen Sieg der Chiefs freuen.

Björn Jensenist ist Chefreporter im Sportressort und würde sich am Wochenende über einen Sieg der Chiefs freuen.

Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Mehr als zwei Millionen Deutsche werden den Super Bowl sehen. Der Sport versucht, davon auch in Deutschland zu profitieren.

Spektakel können sie, die Amerikaner, auch in Corona-Zeiten. Doch während zuletzt das unwürdige Duell um das Präsidentenamt die Schlagzeilen aus Übersee bestimmte, steht in der Nacht zum Montag fairer, an Regeln gebundener Sport an, der die Massen elektrisiert. Der 55. Super Bowl, das Endspiel der Football-Eliteliga NFL, gilt als das größte Einzelsportevent der Welt, und auch in Deutschland ist die Vorfreude unter den Fans rekordverdächtig.

Nachdem der Privatsender ProSieben mit den Halbfinals am vorvergangenen Wochenende in der Spitze 1,7 Millionen Football-Fanatiker vor den Bildschirm zog, dürfte die Zwei-Millionen-Marke nun fallen. Zahlen sind das, von denen in Deutschland die meisten Sportarten träumen. Der sportliche Reiz des diesjährigen Endspiels, das Titelverteidiger Kansas City Chiefs und die Tampa Bay Buccaneers zusammenführt, ist schnell erklärt.

Super Bowl: Sarah Thomas schreibt als erste Schiedsrichterin im Finale Geschichte

Mit Tom Brady, der Tampa in seiner Debütsaison nach 20 Jahren bei den New England Patriots erstmals seit 2003 in den Super Bowl führte, und Patrick Mahomes stehen sich die aktuell besten Quarterbacks der Welt gegenüber. Mahomes (25) gilt als einziger Spielmacher, dem zugetraut wird, den als „Goat“ (Greatest of all times) heiliggesprochenen Brady (43), der zum zehnten Mal ein Finale bestreitet und es bereits sechsmal gewinnen konnte, mittelfristig in seiner Ausnahmestellung gefährden zu können. Dass Tampa als erstes Team in der Historie Heimrecht im Super Bowl genießt – der Austragungsort wechselt jährlich –, und mit Sarah Thomas (47) erstmals eine Schiedsrichterin im Einsatz ist, verleiht der Partie zusätzlichen Reiz.

Das allein taugt indes nicht als Erklärung dafür, dass Hunderttausende deutsche Fans ihrer „NFL-Sucht“ an jedem Wochenende während der von September bis Anfang Februar dauernden Saison neues Futter geben. Und niemand sollte glauben, das Ganze sei nur eine Modeerscheinung. Einen treuen Kern an Fans hat der Football hierzulande schon lange; man denke nur daran, dass zu Spielen der Hamburg Sea Devils in der 2007 aufgelösten NFL Europe bis zu 30.000 Fans in den Volkspark pilgerten.

Football-Hype durch Übertragungen bei ProSieben

Zum Hype wurde die Football-Manie aber erst, seit ProSieben die Übertragungen 2017 in sein Hauptprogramm zog und von einem so fachkundigen wie unterhaltsamen Moderatorenteam, angeführt vom Hamburger Patrick Esume (47), laiengerecht erklären lässt. Die mehrfach preisgekrönte Show „ran NFL“ hat Maßstäbe gesetzt und eine Zielgruppe erschlossen, die auf der Suche nach Alternativen zum Profifußball war, gleichzeitig aber die eingefleischten Fans nicht vernachlässigt.

Dass Esume mit dem früheren NFL-Profi Björn Werner einen Podcast betreibt, den fast zwei Millionen Menschen regelmäßig hören, spricht für sich. Der nächste Schritt ist in Planung. Esume möchte von diesem Sommer an die European League of Football (ELF) aufbauen, eine Kontinentalliga zunächst mit acht, mittelfristig mit 16 Teams und Hauptsitz in Hamburg.

European League of Football für nationale Talente

Einerseits soll diese Liga den darbenden Fans in der NFL-freien Zeit eine Alternative bieten, andererseits einheimischen Talenten die Möglichkeit geben, sich auf hohem Niveau zu messen und die Identifikation mit dem nationalen Football zu stärken.

Gelingen kann das nur, wenn die sportliche Qualität deutlich höher ist als das, was derzeit in der höchsten deutschen Spielklasse GFL geboten wird. American Football wird König Fußball nicht vom Thron stoßen, dazu ist das Spiel zu kompliziert und erfordert wegen der vielen Unterbrechungen zwischen den Spielzügen Geduld, die Konsumenten oft fehlt.

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Außerdem ist die Nationalmannschaft noch nicht in der Lage, sich auf internationalen Turnieren einem breiten Publikum zu präsentieren. Aber in der Fangunst die Nummer eins hinter dem König zu werden, das scheint nicht mehr utopisch. Die NFL wird stets das Zugpferd bleiben. Die Lücke zum großen Spektakel zu verringern, das wird in den nächsten Jahren die Aufgabe sein.

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