Meinung
Deutschstunde

Zu einem Artikel gehört immer auch der Text

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Es ist immer gut, mehr als die Überschrift zu lesen. Es gibt eine Sammlung „Beliebter Fehler“ im Internet.

Hamburg. Laut Bedeutungswörterbuch ist eine Überschrift „etwas, was zur Kennzeichnung des Inhalts über einem Text geschrieben steht“. Eine Überschrift in der Zeitung soll den Leser oder die Leserin neugierig machen und ihn oder sie in den Artikel hineinlocken. In einer einzigen Zeile kann das Thema nur angedeutet, aber nicht der gesamte Inhalt wiedergegeben werden. Es ist nie verkehrt, den Text zu lesen.

Es gibt Überschriften, die noch nach Jahrzehnten zitiert werden wie „Gott hat mitgebohrt“ nach der wundersamen Rettung der Bergleute in Lengede oder „Wir sind Papst“ nach der Wahl von Kardinal Ratzinger zum Oberhaupt der katholischen Christen. Aber auch im journalistischen Alltag ist es häufig einfacher, den Text zu schreiben, als eine passende Überschrift zu formulieren – die zudem typografisch eine genau vorgegebene Größe und Länge haben muss. Ein Stilmittel ist es, zur Erhöhung der Aufmerksamkeit etwas nur scheinbar Falsches in der Überschrift zu präsentieren, um ein „Nanu?“ oder „Wieso?“ hervorzurufen.

Leser von einer Zeile geschockt

Vor einer Woche erlaubte ich mir, viele Leser mit der Zeile zu schocken, das Richtige sei dem Falschen nicht „zuordenbar“. Ich sagte voraus, dass die einzig richtige Form „zuordenbar“ mich zwingen werde, in den folgenden Tagen eine umfangreiche Korrespondenz zu führen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich bereits am Dienstagmorgen vor dem Frühstück von einem Leser beschimpft werden würde, der bei seiner Lektüre allerdings über die Überschrift nicht hinausgekommen war: „Was ist das? Wie kommt denn so ein Fehler 1. zustande und 2. durch ein Controlling?“

Der Einsender entschuldigte sich einige Stunden später, nachdem ich ihn mit einiger Süffisanz aufgefordert hatte, erst einmal die Auflösung im Text zu lesen. Noch ein Wort zum „Controlling“, womit offenbar die Schlussredaktion (Korrektur) des Abendblatts gemeint war: Meine Kolleginnen dort können Falsches vom Richtigen unterscheiden, hatten vor einer Woche aber gar nicht eingegriffen, weil sie nach dem Hackerangriff im System blockiert waren.

Der Sprachgebrauch ändert sich mit der Zeit

Die Rechtschreibung kann man festlegen, die Grammatik, der Bau der Sprache, entspricht jedoch dem Sprachgebrauch. Dieser Sprachgebrauch ändert sich mit der Zeit, und so hat sich auch die deutsche Sprache vom Indogermanischen bis heute weiterentwickelt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir in einigen Jahren nicht mehr „zuordenbar“, sondern „zuordbar“, nicht mehr „gewinkt“, sondern „gewunken“ und nicht mehr „Flüchtlinge“, sondern „Geflüchtete“ sagen werden. Der Duden ist dabei, eine Vorreiterrolle zu übernehmen und sich dem Spott von Dieter Nuhr bei dessen Auftritt am Donnerstag auszusetzen.

Doch zurzeit gibt es noch eine quasi amtliche Norm bei Rechtschreibung und Grammatik, in der zumindest für Schulen und für nicht linksgrüne Behörden unterschieden wird, was als richtig und was als falsch gilt. Es existieren Taschenbücher über die 100 häufigsten Fehler im Deutschen und im Internet eine alphabetisch geordnete Sammlung über „Beliebte Fehler“. Schauen wir einmal unter „A“ nach. Fast jeder sagt, es handele sich um ein „abgekatertes“ Spiel. Dabei hat der Vorgang nichts mit dem Kater zu tun und ist auch nicht mit einem Kater im Kopf nach durchzechter Nacht entstanden, sondern kommt von „abkarten“, wobei die Karten vorsortiert sind und der Vorgang heimlich abgesprochen („abgekartet“) worden ist.

Das Adjektiv „abwägig“ ist falsch, die Schreibweise „abwegig“ richtig. Das Wort hat nichts mit der Waage, sondern mit dem Abweg zu tun. Ein „Algorithmus“, ein schematischer Rechenvorgang, bezieht sich nicht auf den Rhythmus und schreibt sich deshalb mit „i“. Die „Adresse“ bekommt nur ein „d“ und der „Albatros“ nur ein „s“. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen stehen immer im Plural, weshalb die Abkürzung „AGB“ ohne „s“ lautet. Das „Abc“ wird gemischt, nur mit einem einzigen Großbuchstaben geschrieben.

deutschstunde@t-online.de

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