Meinung
Leitartikel

Homeoffice ist wichtig, um den Lockdown zu beenden

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible

Je mehr Menschen ihrem Büro in der Corona-Pandemie fernbleiben, desto schneller erledigt sich der Lockdown.

Hamburg. Es soll Führungskräfte, vulgo: Chefs, geben, die stolz sind, dass sie seit Beginn der Pandemie und trotz mehrerer Lockdowns jeden Tag ins Büro gekommen sind. Und die sich auch noch darüber gefreut haben, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihrem Beispiel folgten, „obwohl ich das natürlich nicht von ihnen verlangt habe“. Schon klar. Man kann über Homeoffice unterschiedlicher Meinung sein und darf gern über Sinn und Zweck streiten: aber bitte erst, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist. Im Moment sollte es ein Zeichen der Solidarität, des gesunden Menschenverstandes und der Fürsorgepflicht gegenüber Kolleginnen und Kollegen sein, dass jeder Chef und jede Chefin Homeoffice so weit es geht möglich macht.

Auch, wenn es ihm selbst nicht behagt, wenn er oder sie sich zu Hause langweilt, vielleicht die Videokonferenz ohne fremde Hilfe nicht in Gang kriegt oder schlicht die (vielen) Menschen um sich herum vermisst, denen er oder sie etwas zu sagen hat. Soll alles vorkommen, vorgekommen sein. Natürlich gibt es Gründe, die gegen Homeoffice sprechen können, soziale wie wirtschaftliche, oft ist auch die Rede davon, dass man allein und daheim nicht kreativ genug sein kann, eine Erfahrung, die wir beim Hamburger Abendblatt übrigens nicht machen.

Lockdown bis Ostern?

Doch das ist alles nichts gegen die Gründe, die in Zeiten wie diesen – hoffentlich können wir diese Formulierung bald wieder einmotten – für Homeoffice sprechen. Wenn Unternehmen schon das Privileg haben, von den Lockdowns verschont zu bleiben, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihren Jobs (unter erschwerten Bedingungen) nachgehen können, wenn also in der härtesten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die deutsche Wirtschaft in größeren Teilen weitermachen darf – dann muss sie alles daran setzen, trotzdem einen Beitrag dazu zu leisten, Kontakte wo es nur geht zu minimieren. Jeder Mann, jede Frau, die nicht ins Büro gehen (müssen), helfen, die Mobilität zu reduzieren, auf die es ankommt, wenn wir alle nicht wirklich bis Ostern im Lockdown gefangen bleiben wollen, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits angedeutet hat.

Viele Unternehmen, viele Chefs sind sich der Verantwortung, die sie im Moment für das eigene und das gesellschaftliche Wohlergehen haben, sehr bewusst. Dass es nicht genug sind, zeigt sich in Forderung nach einer Homeoffice-Pflicht, die in den vergangenen Tagen vermehrt von Politikerinnen und Politikern ausgesprochen wurden. Einige gehen noch weiter und verlangen, dass nun auch die Wirtschaft als Ganzes runtergefahren wird. Ein Zustand, den sich aus vielerlei Gründen niemand wünschen kann, auch und gerade die nicht, die Homeoffice in etwa so mögen wie das Coronavirus den Impfstoff von Biontech.

Homeoffice ist ein Privileg

Es klingt seltsam, aber es ist wahr: Je mehr Menschen ihrem Arbeitsplatz fernbleiben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch in den nächsten Wochen und Monaten halbwegs ordentlich ihre Arbeit erledigen können. Vergessen sollten wir bei der ganzen Diskussion auch nicht, dass es ein Privileg ist, überhaupt ins Homeoffice ausweichen zu können. Viele Firmen, viele Arbeitnehmer würden das bestimmt gern, können es aber nicht, weil man etwa einen Bus nicht aus dem Wohnzimmer steuern und eine Supermarktkasse nicht aus dem Arbeitszimmer bedienen kann.

Auch damit all diejenigen, die das Leben da draußen im Moment so tapfer aufrechterhalten, weitermachen können, müssen so viele andere wie möglich drinnen bleiben. Chefinnen und Chefs bitte zuerst. Und sei es nur, weil sie in der Regel zu Hause bessere Arbeitsbedingungen haben dürften als die meisten ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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