Meinung
Leitartikel

Das Versagen der Hamburger Schulpolitik

Jens Meyer- Wellmann, Autor des Hamburger Abendblatts

Jens Meyer- Wellmann, Autor des Hamburger Abendblatts

Foto: Bertold Fabricius

Hamburg hat die Modernisierung verschlafen. Rechtliche Voraussetzungen für Digitalunterricht fehlen.

Hamburg. Wer dieser Tage Gutes über Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagen will, der nennt ihn „standhaft“. Standhaft halte er gegen Bedenken von Epidemiologen und Kanzlerin Schulen offen, heißt es bisweilen. Er verteidige das Recht der Kinder und Jugendlichen auf Bildung und setze sich so besonders für Familien aus schwierigen Verhältnissen ein, deren Nachwuchs zu Hause nicht mit viel Förderung rechnen könne. Das kann man so sehen – und es ist sicher eine Hälfte der Wahrheit. Es gibt aber auch eine zweite.

Denn genauso standhaft hat Rabe monatelang die längst belegte Realität geleugnet, dass ältere Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene. Statt Schulen pandemiesicher zu gestalten, hat er so getan, als gebe es hier keine Infektionen. Motto: Wir machen weiter wie immer. In voller Klassenstärke, ohne Abstand, lange auch ohne Masken – Anreise in vollen Bussen. Ergebnis: An Heinrich-Hertz-Schule, Ida Ehre Schule und Schule auf der Veddel gab es in Hamburg drei der deutschlandweit größten Corona-Ausbrüche an Schulen.

Schulen sicherer organisieren

Aber auch dies beeindruckte Rabe wenig. Kinder selbst würden ja nur selten schwer krank, hieß es lakonisch. Das Risiko, dass sich Kinder in der Schule infizieren und zu Hause ungewollt Eltern, Geschwister oder Großeltern anstecken, wurde nie thematisiert. Statt sich intelligente und flexible Lösungen zu überlegen und die Krise auch für einen Modernisierungsschub zu nutzen, wurden lieber die Hygieneregeln und Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts stoisch ignoriert. Geschichtslehrer Rabe belehrte die oberste Behörde für den Infektionsschutz sogar noch, ihre Vorgaben für sicheren Unterricht seien „seltsam“. Auch bei schnell steigenden Infektionszahlen weigerte sich der Senator zunächst wochenlang, eine Maskenpflicht für die Mittelstufe einzuführen. Erst im November gab er nach – viel zu spät.

Lesen Sie den Bericht zum Kommentar:

Bei all dem geht es gar nicht um die Frage, ob man Schulen schließen soll – im Gegenteil. Gerade weil die Schulen unbedingt offen bleiben sollten, muss man sie sicherer organisieren. Zum Beispiel, indem man Schüler, die zu Hause nicht gut lernen können, in der Schule unterrichtet – und andere per Livestream von zu Hause zuschaltet. So würde man Gruppen verkleinern. Dafür aber hätte Rabe seit März die technischen und rechtlichen Voraussetzungen schaffen müssen. Das aber hat er nicht getan, wie Erfahrungen mit dem Homeschooling zeigen. Da stürzt Software immer wieder ab, da stocken Videos, weil das Schulnetz zu schlecht ist – und manche Lehrer scheitern schon am Einschalten einer Kamera. Willkommen im digitalen Deutschland 2020. Wenn ein Blick auf die Schulen ein Blick in die Zukunft eines Landes ist, kann einem dieser Tage wirklich mulmig werden.

Rechtliche Voraussetzungen für einfachen Digitalunterricht wurden nicht geschaffen

Nun zeigt sich auch noch, dass Rabe und die rot-grüne Koalition es versäumt haben, die rechtlichen Voraussetzungen für einfachen Digitalunterricht zu schaffen. Die Übertragung aus dem Klassenraum ist nach Einschätzung der Schulbehörde nicht möglich. Möglicherweise kollidiere sie mit dem Verbot der Kameraüberwachung im Schulgesetz, heißt es. Fragt sich, warum das erst zwei Tage vor dem Lockdown auffällt. Man hätte dieses Problem seit Monaten durch eine Klarstellung im Gesetz lösen können.

Bei alldem drängt sich immer stärker ein Verdacht auf: Dass die Kultusminister so lange so starr am vollen Präsenzunterricht ohne Abstand festhalten, hängt womöglich nicht ausschließlich mit ihrem Kampf für gerechte Bildung zusammen. Sondern vor allem damit, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt – weil der standhafte Herr Rabe und seine Kollegen seit dem Frühjahr ihre Hausaufgaben nicht machen.