Meinung
Leitartikel

Corona: Katastrophenrhetorik zermürbt die Menschen

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Jeder hat die Pflicht, sich an die Regeln zu halten. Das Dauerfeuer an Horrorvergleichen ist jedoch inzwischen kontraproduktiv.

Hamburg. Der Dienstag begann für Hysteriker ziemlich fade. Keine Corona-Eilmeldungen weckte die Menschen, der Grund ist schnell erklärt: Die Neuinfektionszahlen fielen unspektakulär aus, wieder war kein Höchststand zu vermelden. Die Infektionszahlen haben sich eingependelt, sind sogar leicht rückläufig. Drolligerweise heißt es dann stets „auf hohem Niveau“ – aber dieses hohe Niveau ist relativ: Es ist hoch verglichen mit den Zahlen im Frühjahr, obwohl dieser Vergleich hinkt wegen der deutlich ausgeweiteten Testkapazitäten.

Es ist verglichen mit dem Niveau in anderen Ländern sogar niedrig. Nach Daten der EU-Gesundheitsagentur ECDC liegt die Zahl der Neuinfektionen binnen 14 Tagen in Deutschland bei 309 auf 100.000 und damit im unteren Drittel – Italien zählt 792, Polen 830, Österreich 1056 und Luxemburg sogar 1279. Doch die bestürzenden Bilder aus Bergamo, die Gesellschaft wie Politik nachhaltig traumatisiert haben, wiederholen sich bislang nicht.

Zu Panik besteht kein Anlass

Auch der Blick auf die medizinische Lage in Deutschland überrascht – in der vergangenen Woche stieg die Zahl der Corona-Infizierten auf den Intensivstationen noch um 9,6 Prozent auf 3709. In der ersten Novemberwoche lag das Wachstum bei der Zahl der Intensivpatienten hingegen bei 60 Prozent. Also alles nicht so schlimm? Nein, Corona ist schlimm. Jeder hat die Pflicht, sich an die gültigen Regeln zu halten. Risikogruppen müssen geschützt werden und sich selbst schützen. Wer daran zweifelt, hat nichts verstanden.

Doch zu Panik besteht kein Anlass: Das Dauerfeuer an Katastrophenmeldungen und Horrorvergleichen ist inzwischen kontraproduktiv und gefährlich: CDU-Hoffnungsträger Armin Laschet, der bislang eher besonnen wirkte, gibt nun den Söder vom Rhein und macht den Menschen Angst, wenn er über das „härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“, schwadroniert. Bitte? Nur eine kleine historische Notiz: Der Hungerwinter 1946/47 forderte mehrere Hunderttausende Tote. Die Zahl der Corona-Toten liegt deutschlandweit bei gut 14.000, eine Übersterblichkeit gibt es nicht.

Auch die Kanzlerin ist im Spätherbst ihres Amtes von der Angst geleitet

Auch die Kanzlerin ist im Spätherbst ihres Amtes von der Angst geleitet. Immer neue Vorschläge kommen aus dem Kanzleramt. Kinder sollten demnach nur noch einen Spielkameraden treffen, jeder Schnupfen zu einer Zwangsquarantäne führen. Die Bundesregierung, die das Land gut durch die erste Welle gesteuert hat, droht in der zweiten Welle zu überziehen. Obwohl die Zahlen stagnieren und wir viel mehr über Covid-19 wissen, dreht sich alles um Verschärfungen. Nun wird der Lockdown, verniedlichend „light“ genannt und trotzdem für viele schwer erträglich, um Wochen verlängert.

Das vorrangige Ziel einer kurzsichtigen Bundesregierung ist offenbar ein schönes Weihnachtsfest. Zu deren Ehrenrettung sei gesagt: Sie regiert auf die Wünsche der Mehrheit. Wer am strengsten auftritt, wird am lautesten beklatscht. Auch liberalen Medien kann der Lockdown nicht radikal, hart und lang genug sein. Die Deutschen sind wohl noch immer ein autoritätsfixiertes Volk. Fast skurril ist, dass ein vermeintlich Rechter wie Friedrich Merz ausspricht, was eigentlich selbstverständlich war: „Es geht den Staat nichts an, wie ich Weihnachten feiere.“

Es ist an der Zeit, die Panikmache zu beenden. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Die norddeutsche Politik vermittelt diese Botschaft besser als die bayerische. Die Menschen permanent in Angst zu halten ist einer demokratischen Gesellschaft unwürdig. Und es wird auf Dauer nicht verfangen, weil es die Menschen zermürbt: Corona wird noch etwas dauern, eine Pandemie ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf.