Meinung
Deutschstunde

Das Sie ist die Höflichkeit der Erwachsenen

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen schreibt an jedem Dienstag über  die Tücken  der deutschen Sprache. Er war früher Chef vom Dienst beim Hamburger Abendblatt.

Peter Schmachthagen schreibt an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache. Er war früher Chef vom Dienst beim Hamburger Abendblatt.

Foto: HA

Wenn eine Anrede höflich ist, sollte man sie auch großschreiben. Außerdem als Berichtigung: Noch einmal die Satzglieder.

Wenn ich einen Fehler mache, und mag er noch so klein sein, dann berichtige ich ihn. Mit leichter Süffisanz sage ich dann zu mir selbst, dass jede Berichtigung den Vorteil hat, den Stoff für die nächste Folge der Kolumne in sich zu tragen. Ich hatte das Genitivattribut als Satzglied bezeichnet. Das war falsch. Das Attribut ist kein Satzglied, sondern nur ein Teil davon. Ein Leser machte mich darauf aufmerksam. Er hatte recht.

Der Nachteil dieser Berichtigung ist, dass wir nun wieder in die Regeln der Syntax, des Satzbaus, gerutscht sind, die ich eigentlich in die Pause schicken wollte. Doch erlauben Sie mir bitte, die Bezeichnungen geradezurücken.

Satzglieder und Attribute: Das muss man wissen

Satzglieder sind unmittelbare Bestandteile von Sätzen. Ein Satzglied ist dem Satz, zu dem es gehört, direkt untergeordnet. Als Satzglieder gelten das Subjekt (der Satzgegenstand), die Objekte (die Satzergänzungen) und die adverbialen Bestimmungen. In der Schule haben wir auch das Prädikat (die Satzaussage) dazugerechnet. Wichtig ist die Unterscheidung von Satzgliedern und Attributen. Attribute sind nicht eigenständig, sondern Teil eines Satzglieds. Sie sind nicht dem Satz, sondern einem Satzglied unmittelbar zugeordnet und fest mit ihm verbunden.

So enthält der Duden-Satz „Die blasse Wintersonne strich über die Häuser der Großstadt“ das Subjekt („die blasse Wintersonne“) und eine adverbiale Bestimmung („über die Häuser der Großstadt“) als Satzglieder. Beim Subjekt finden wir als Teil dieses Satzgliedes ein Eigenschaftswort (Adjektiv) als Attribut („blasse“), und die adverbiale Bestimmung enthält ein Genitivattribut („der Großstadt“). Damit dürfte ich die Fachbegriffe wieder an die richtige Stelle gerückt haben. Bereits in der Sexta (5. Klasse) mussten wir derartige Sätze bis zur Erschöpfung in ihre Einzelteile zerlegen, wobei wir damals nicht „Satzglieder“, sondern „Satzteile“ sagten.

Die erste Eins auf dem Gymnasium

Ich schrieb meine erste Eins auf dem Gymnasium, aber viele Klassenkameraden entwickelten gegen das Sprachbuch im braunen Einband eine tiefe Abneigung, die während der gesamten Schulzeit anhielt. Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass viele von ihnen trotz des Titels „Deutschstunde“ zu den treuen Lesern dieser Kolumne gehören.

So, nun endlich zur Groß- oder Kleinschreibung. Eine Leserin fragt: „Behauptungen von verschiedenen Seiten, heutzutage würde man das ‚Sie‘ inklusive ‚Ihnen‘ etc. in der direkten Anrede kleinschreiben, haben mich verunsichert. Was ist richtig?“ Die „verschiedenen Seiten“, die einen derartigen Unfug verbreiten, würden mich interessieren. Natürlich schreibt man nach wie vor die Anrede „Sie, Ihnen, Ihre“ immer und überall groß – im Brief, in der wörtlichen Rede und sogar im Text, wenn ich Sie [groß], liebe Leserin oder lieber Leser, direkt anspreche. Das „Sie“, die Anrede in der 3. Person Plural (!), wird nicht umsonst die Höflichkeitsanrede genannt. Sie drückt Respekt gegenüber allen erwachsenen Personen aus, mit denen man nicht verwandt oder eng befreundet ist.

Woher das Sie stammt

Schließlich hat es 1000 Jahre gedauert, bis es so weit war. Im Althochdeutschen lesen wir: Guaz gueten ger, herra (Was sagt Ihr, Herr?). Der höherstehen­de Herr wurde mit „Ihr“ (ger) angeredet, gewöhnliche Leute duzte man unabhängig davon, ob man sie kannte oder nicht: Gauathere, latz mer serte (Gevatterin, lass mich [Wort als nicht jugendfrei gestrichen]). Beim höflichen „Ihr“ und dem gewöhnlichen „du“ blieb es während des gesamten Mittelalters. In der Barockzeit trat als weitere Anredemöglichkeit das Pronomen in der 3. Person Singular (!) hinzu (er bzw. sie), das allerdings eine deutliche Distanz nach unten schaffte – zwischen Herrn und Knecht oder König und Untertan: Scher Er sich zum Teufel! Die Höflichkeitsanrede „Sie“ kam im 18. Jahrhundert auf und drückte gegenüber dem bereits höflichen „Ihr“ ursprünglich eine nochmals höhere Distanz „nach oben“ aus.

Es ergab sich die Höflichkeitsskala „er/sie – du – Ihr – Sie“. Dieses „Sie“ ist nicht mit dem „sie“ im Singular zu verwechseln, sondern leitet sich vom geschlechtsneutralen Plural ab. Es ist einschließlich der dazugehörenden besitzanzeigenden Fürwörter immer großzuschreiben und erfordert selbst bei Einzelpersonen den Plural: Grüßen Sie Ihre Frau!

deutschstunde@t-online.de

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