Meinung
Kommentar

Warum CDU-Kandidat Friedrich Merz provoziert und polarisiert

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Merz festigt mit klaren Aussagen die Stellung bei denen, die ihn gut finden – und von ihnen gibt es nicht wenige.

Hamburg. Merkt Friedrich Merz eigentlich gar nicht, was er in Talkshows oder bei anderen Interviews so sagt – oder macht er das sehr bewusst? Die Frage stellt sich erneut, nachdem der mögliche nächste CDU-Chef bei „Anne Will“ eine Diskussion über Gendern mit der Bemerkung abtat, dass es im Moment nun wirklich wichtigere Probleme gebe.

Das klingt nach Merz’ nächstem verbalen Ausrutscher, weil gleiche Lebens- und Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer trotz Corona und trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage natürlich zentrale Themen sind und sein müssen – gerade für einen Mann, der gern selbst eine Frau als Kanzler ablösen würde. Doch Merz scheint das anders zu sehen und festigt mit seinem Auftritt bei „Anne Will“ das Bild, das seine Kritiker innerhalb und außerhalb der Partei schon lange von ihm haben: Für sie ist er ein alter weißer Mann, der mit den Methoden und den Anschauungen von gestern in die Zukunft will und für den Frauen dabei, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle spielen.

Das Prinzip kennen wir von Donald Trump

Und ja: So weit scheint diese Bewertung von der Realität nicht entfernt zu sein. Merz’ vermeintliche Ausrutscher sind gar keine: Er wird wissen, dass er damit viele Menschen abstößt. Aber er festigt mit den klaren Aussagen auch die Stellung bei denen, die ihn gut finden – und von ihnen gibt es nicht wenige.

Das Prinzip, Debatten zu führen, um die andere einen großen Bogen machen, kennen wir von Donald Trump. Und wo es den vor vier Jahren hingeführt hat, wissen wir auch. Nein, Merz ist nicht der deutsche Trump. Aber er hat erkannt, dass es in der Reihe der führenden Politiker nur eine Lücke gibt, die er besetzen kann: die des konservativen, sich an alten (Werte-)Strukturen orientierten Mannes, der auch mal sagt, „was man ja wohl noch sagen darf“.

Sollte Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden und vielleicht später zum Kanzler gewählt werden, dann nicht trotz, sondern wegen seiner manchmal schnippischen bis hochnäsigen Altmänner-Art. Darin ist Merz, der bei „Anne Will“ übrigens auf Olaf Scholz und Annalena Baerbock traf, unschlagbar.