Meinung
Leitartikel

Corona-Pandemie: Hoffen und Bangen

| Lesedauer: 4 Minuten

Der lang ersehnte Impfstoff gibt jetzt die Richtung vor: Bis zum Frühjahr müssen wir erst mal durchhalten.

Hamburg. Glaubt man der Börse, war es das. Die Anleger, die angeblich stets die Zukunft handeln, halten Covid-19 schon für erledigt. Der DAX notiert auf dem Niveau vom November 2019. Damals aber waren das Virus und seine Verwerfungen für die Weltwirtschaft noch unbekannt. Auslöser der neuen Börseneuphorie ist die Mitteilung der Impfstoffhersteller Biontech und Pfizer. Schaut man hingegen nach Österreich, werden die dunkelsten Albträume wahr. Unser südlicher Nachbar friert morgen zum zweiten Mal das ganze Land ein. Europa steht in diesen Novembertagen zwischen Euphorie und nackter Angst.

So beeindruckend die Ergebnisse der Forscher auch sind, die Euphorie scheint verfrüht: So bleibt eine wissenschaftliche Skepsis, weil die Primärdaten noch ausstehen. Auch die Wirksamkeit ist bei neuen Impfstoffen noch offen. Wie lange werden die Menschen geschützt sein? Und wie total ist der Schutz? Schützt er umfassend oder „nur“ vor schweren Verläufen? Und bewahrt er die Älteren vor einer Infektion? Gerade bei dieser besonders gefährdeten Gruppe arbeitet das Immunsystem nicht mehr so aktiv, die Wirkung von Impfstoffen ist deshalb grundsätzlich eingeschränkt. Zudem bleiben die Fragen nach der Verträglichkeit offen. Wie gut die Risikogruppen, die zuerst geimpft werden sollen, den Impfstoff vertragen, ist so unklar wie die Dauer des Schutzes.

Die Herausforderungen der Impfung darf man nicht unterschätzen

Schon jetzt ist klar, dass der viel zitierte Gamechanger erst langfristig wirken kann. Es bedarf zweier Impfungen und dann noch eines Zeitraums von rund vier Wochen, bis die Impfung die Bildung von Antikörpern ausgelöst hat. Geht man, wie die meisten Experten, vom Beginn der Reihenimpfungen Anfang 2021 aus, dürfte sich der Effekt bis ins Frühjahr verschieben – also in eine Zeit, in der die Kurve ohnehin wieder absinken dürfte.

Auch die Herausforderungen der Impfung darf man nicht unterschätzen – auf die Gesundheitsbehörden warten Herkulesaufgaben. Noch ist unklar, wie kalt die Impfstoffe gelagert werden müssen – ursprünglich ging man von –70 Grad Celsius aus, hofft aber nun, dass es auch mit höheren Temperaturen geht. Hier könnte der zweite deutsche Impfstoffentwickler Curevac punkten. Sein Vakzin soll bei einer Kühlschranktemperatur von 5 Grad Celsius mindestens drei Monate lang halten.

Die medizinische Forschung macht Hoffnung, der Impfstoff gibt die Richtung vor

Der Transport via Flugzeug und Lkw wird für Logistiker eine Riesenherausforderung. Zudem bedarf es großer Räume, um die Massenimpfungen durchzuführen (das dürfte in Hamburg nur in den Messehallen und am Flughafen möglich sein). Dort muss man ausreichend Abstände einhalten, die Menschen erfassen und nachversorgen. Wer schon den Gang in den Supermarkt fürchtet, könnte hier (über-)vorsichtig sein. Unklar bleibt, wie viele Menschen sich verweigern: Nach einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends wollen 29 Prozent der Deutschen sich nicht oder wahrscheinlich nicht impfen lassen.

Und doch scheint die aufkommende Angst übertrieben. Die medizinische Forschung macht Hoffnung, der Impfstoff gibt die weitere Richtung vor – endlich gibt es ein Ziel: Es gilt, sich in das Frühjahr herüberzuretten und die Zahl der Infektionen bis dahin medizinisch handhabbar zu halten – das scheint bislang zu klappen. „Der Winter wird uns viel abverlangen“, sagt die Kanzlerin. Über Monate werden wir Masken tragen, Abstand halten und weiter mit Einschränkungen leben müssen. Zugleich gilt es, mit Augenmaß die Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft zu minimieren, bis Deutschland geimpft ist. Mit diesem Ziel dürften die nächsten Monate psychologisch leichter zu ertragen sein. Nach dem Winter kommt der Frühling.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung