Meinung
Gastbeitrag

Ein Monat Sportverbot ist vertretbar

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Maryam Blumenthal
Maryam Blumenthal (35) spielt und trainiert Basketball.

Maryam Blumenthal (35) spielt und trainiert Basketball.

Foto: Michael Rauhe / HA

Maryam Blumenthal, sportpolitische Sprecherin der Hamburger Grünen, über die soziale Bedeutung von Bewegung und Vereinen.

Kinder, Jugendliche, Amateur-, Freizeitsportlerinnen und -sportler dürfen seit Anfang dieser Woche nicht mehr in ihrem gewohnten Vereinsumfeld spielen oder trainieren. Das ist hart und stößt bei vielen auf Unverständnis, dass der Sport in den Lockdown-Verordnungen mit Bordellen und Spielhallen gleichgesetzt wird. Zahlreiche Initiativen der Landessportbünde und großer Fachverbände, darunter der Deutsche Fußballbund, üben lautstarke Kritik an diesen Regelungen, appellieren an die Politik, kurzfristig für Änderungen zu sorgen.

Hierbei geht es nicht um Partikularinteressen. In Hamburg treiben rund 700.000 Menschen in Vereinen oder kommerziellen Einrichtungen mehr oder weniger regelmäßig Sport. Unter den Mitgliedern sind allein in den Clubs fast 150.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Besonders für sie ist der Sport von großer Bedeutung: Eine Studie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) wies nach dem ersten Lockdown im Frühjahr speziell in dieser Altersgruppe physische (Gewichtszunahme) und psychische Folgen (Depressionen) aufgrund von Bewegungsmangel und Kontaktbeschränkungen nach. Das wird jetzt kaum anders sein, weil das Novemberwetter nicht gerade zu Aktivitäten im Freien animiert. Während Erwachsene zumindest zu zweit zu längeren Spaziergängen aufbrechen könnten, wäre dies wohl nicht die bevorzugte Bewegungsform der Jüngeren, insbesondere der Kinder. Auch ist für viele nicht nachzuvollziehen, dass Kinder und Jugendliche zwar in der Schule unter Abstandsregeln gemeinsam Sport treiben dürfen, in ihren Clubs unter Anleitung aber nicht.

Sport, insbesondere der im Verein organisierte, hält nicht nur fit, er sozialisiert, integriert, inkludiert, er fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt, entwickelt Bindungskräfte, gehört für viele Menschen als integraler Bestandteil zu ihrem Leben, gibt ihnen im Alltag Orientierung. Mir selbst hat die Regelmäßigkeit im Sport so manches Mal die Struktur im Leben gegeben, die mir anderswo fehlte. Durch manche persönliche Krisen habe ich es, so würde ich behaupten, mithilfe des Sports geschafft.

Sportvereine, das kommt in der Diskussion viel zu kurz, sind Bildungsorte, Orte, an denen Demokratieschulung stattfindet, Menschen Partizipation erfahren. Sie bieten eine Umgebung, in der Toleranz gelernt, Akzeptanz gefördert wird, gesellschaftliche Werte wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsübernahme und Fairness gefordert sind und vermittelt werden. Und tägliche Bewegung erhöht nicht nur die Immunkompetenz, sie macht – durch stärkere Vernetzung der Synapsen im Gehirn – auch schlau.

Für Kinder und Jugendliche sind Vereine zudem ein weitgehend stressfreier Raum ohne den in anderen Lebensbereichen gewohnten Leistungsdruck. Der fällt nun weg, mit entsprechenden Konsequenzen. Während Bildungseinrichtungen, Schulen und Kitas nicht geschlossen wurden, sieht das in Sportvereinen anders aus, weil sie nicht als Bildungseinrichtungen gewertet werden. Die Bildungskraft im Sport sollte aber nicht unterschätzt werden.

Dennoch halte ich es als Politikerin in Regierungsverantwortung, als Mutter von drei Kindern und Basketballtrainerin für richtig, den allgemeinen Sportbetrieb zunächst ohne Zwischenschritte für einen Monat komplett herunterzufahren. Die Infektionszahlen lassen uns keine Alternative, wir müssen unsere Kontakte spürbar reduzieren.

Zwar haben Vereine und Fitnessstudios viel in Hygienekonzepte investiert, das Grundproblem aber bleibt: 75 Prozent der Infektionswege sind nicht mehr nachzuvollziehen. Den Unternehmungsradius der Menschen drastisch runterzufahren ist angemessen und verantwortbar, um die Schließung von Schulen und Kitas zu vermeiden. Die gesellschaftlichen Folgen wären ansonsten noch gravierender, und das kann niemand wollen.

Aber: Sollten die Einschränkungen über den November hinausgehen, was nicht auszuschließen ist, müssen für die Wiederaufnahme des Sports vertretbare Lösungen – wenn auch schrittweise – gefunden werden. Sport und Bewegung sind systemrelevant, nicht nur für unser Gesundheitssystem, auch für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Maryam Blumenthal (35) ist sportpolitische Sprecherin der Bürgerschaftsfraktion der Grünen, Lehrerin, Basketballtrainerin und Aufsichtsratsmitglied des Walddörfer SV (8000 Mitglieder).

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