Meinung
Deutschstunde

Manche Fehler sind gar keine Fehler

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Autor schreibt an jedem Dienstag über Besonderheiten der deutschen Sprache. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Einige Einsender bemängeln etwas, was durchaus richtig ist. Ob Sie es glauben oder nicht: Es gibt das Verb „ertrügen“.

Hamburg. Abendblatt-Leser sind aufmerksam, neugierig und überaus genau. Sie finden jeden Fehler im Blatt, und manchmal finden sie sogar Fehler, die gar keine Fehler sind. Ich hatte geschrieben, dass ich nicht dazu komme, mit Amon, meinem lieben, kleinen Zwergschnauzer, einen langen Spaziergang an der Beek zu machen. Prompt meldet sich ein Hamburger, der mit einem mittelniederdeutschen Filter im Blick darauf aufmerksam macht, dass es nicht „die“, sondern „der“ Beek (kleiner Bach) heißen müsse.

Der Leser hat recht und unrecht zugleich. Beide Genera sind möglich. Ich nahm mir die Freiheit, den Spaziergang im Femininum zu machen – oder besser: machen zu wollen. Dazu gekommen bin ich immer noch nicht, da ich meinen Ruhestand am Computer verlebe. Meine Tochter sagt, draußen sei Herbst. Ich konnte diese Behauptung bisher nicht nachprüfen.

Verschrobene Juristensprache

Eine Kollegin adaptierte perfekt die etwas verstaubte und verschrobene Juristensprache und schrieb in einer Gerichtsreportage, es sei ungeklärt, wo das Geld geblieben sei, das der Täter erpresst und „ertrogen“ habe. Danach bebte nicht ihr, sondern mein Postfach. Ertrogen? Hat die Autorin sich vertippt? Hatte sie eine sprachschöpferische Minute? Schließlich, und das klang wie ein Keulenschlag, stehe das Wort nicht im Wahrig! Der Wahrig, inzwischen eingestellt und nicht mehr im Handel, ist zwar durchaus gewichtig (massig, nämlich 3250 Gramm schwer), im anderen Sinne jedoch keineswegs gewichtiger als der Duden – denn im einfachen Rechtschreibduden (28. Aufl., S. 423) finden wir das Wort.

Allerdings haben wir es bei der Form „ertrogen“ mit einem Partizip Perfekt zu tun. Wir müssen natürlich unter dem Infinitiv, der Grundform, suchen; die lautet „ertrügen“. Es handelt sich um ein starkes Verb (ertrügen, ertrog, ertrogen) und hat die Bedeutung „durch Betrug erlangen“. Das Wort ist allerdings häufiger in München zu hören als in Hamburg, doch wir können es uns ja einmal ausleihen.

Unzufrieden war ein Leser und dann rund 50 Einsender mit fast wortgleichen Mails mit meiner Aussage, der Sonnabend sei der sechste Wochentag. Er war bereits beim siebten Tag der Woche angelangt. Nachdem wir einige Bibelverse aus den Büchern Markus und Mose ausgetauscht hatten, darf ich mit einigem Nachdruck feststellen, dass nach christlichem und amtlichem Verständnis die Woche mit dem Montag beginnt. Der liebe Gott schuf die Welt in sechs Tagen, sah, dass es gut war, und ruhte sich am siebten Tag aus. Dabei handelt es sich um den Sonntag. Wir wollen das Wochenende doch nicht splitten!

Schwierige Frage

Schwieriger war die Frage zu klären, ob etwas „auf“ oder „unter“ den Nägeln brenne. Der Wahrig ist für „auf“, erlaubt aber, mager gedruckt, auch „unter“, während der Duden sich eines typografischen Kommentars enthält und ein Sowohl-als-auch anbietet. Aus medizinischer Sicht sollte man überhaupt kein Feuer auf oder unter den Fingernägeln anzünden, falls man keine nicht erstattungsfähige Selbstverstümmelung beabsichtigt. Doch bis in die frühe Neuzeit hinein kannten „christliche“ Inquisitoren und verrohte Landsknechte durchaus die Foltermethode, spitze Stäbchen unter die Nägel zu treiben und anzuzünden. Den armen Opfern brannte es so unter den Nägeln, dass sie zu jedem falschen Geständnis bereit waren.

Ein Leser weist darauf hin, dass Kosten erstattet, aber nicht zurückerstattet werden. Zurückerstattet könne nur ein Betrag werden, der zu Unrecht erstattet worden sei und nun zurücküberwiesen werde. Da wir gerade dabei sind: Strafanzeigen werden erstattet und nicht gestellt, Strafanträge jedoch gestellt und nicht erstattet. Nicht nachgedacht hatte ein Autor, der von „überirdischen“ Rohstoffvorkommen schwärmte – vielleicht sollten wir uns erst einmal um die „oberirdischen“ Vorkommen kümmern. „Trotzdem“ ist ein Adverb, kann aber auch eine Konjunktion (für: obwohl) sein. Der Satz „Trotzdem es regnete, ging ich spazieren“ ist zwar nicht schön, aber korrekt. Bei „nebst“ haben wir es mit einer Präposition mit Dativ (!) zu tun. Es heißt also: nebst anteiligen Zinsen. Manchmal jagt, wie Sie sehen, ein Fehler zwar nicht den „nächsten“, aber den „anderen“.

deutschstunde@t-online.de