Meinung
Leitartikel

Eine Corona-Inzidenz unter 50 muss das Ziel sein

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Der Lockdown-November beginnt. Was wir uns über die Inzidenz hinaus als Ziel setzen sollten. Ein Kommentar.

Hamburg. Wenn es gut läuft und wir etwas Glück haben, wird es uns im heute beginnenden Lockdown-November gelingen, die Infektionszahlen auf ein erträgliches Maß abzusenken oder, wenigstens das, sie auf einem gleichbleibenden Niveau zu stabilisieren. Wir sollten dies mit aller Kraft versuchen, auch wenn niemand garantieren kann, dass das wieder so gut funktioniert wie im Frühjahr.

Denn Winter bleibt Winter, Viren lieben die kalte Jahreszeit, daran können wir nichts ändern. Und deshalb sind sich ausnahmsweise auch einmal alle Experten einig, dass nach dem November noch drei weitere Monate kommen, die anstrengend werden und in denen wir unsere Kontakte deutlich einschränken müssen.

Übrigens nicht nur, um dem Virus weniger Angriffsmöglichkeiten zu bieten, sondern, vielleicht noch wichtiger, damit im Fall eines Falles die Gesundheitsämter nicht zu viele Kontakte eines Infizierten nachverfolgen müssen. Es macht einen großen Unterschied, ob das zehn oder 20 oder gar – wie zuletzt – Hunderte pro Tag sind.

Corona: Jetzt kommt der Höhepunkt der Pandemie

Als die Pandemie im Frühjahr begann, konnten wir alle, die so etwas noch nie erlebt haben, kaum glauben, dass sie so lange dauern würde. Heute wissen wir: Die Vorhersage der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass man mit einer Dauer von etwa zwei Jahren rechnen müsse, ist leider nicht unrealistisch. Das klingt wie eine schlechte Nachricht, aus der man aber auch etwas Gutes lesen kann: Zwar liegen vor uns jetzt die schwierigsten (weil winterlichen) Monate der Pandemie – wenn man so will: der Höhepunkt.

Danach aber steuern wir dann wirklich auf das Ende zu. Nicht nur, weil es im Frühjahr wieder wärmer wird, sondern vor allem, weil es mit hoher Wahrscheinlichkeit von Januar, Fe­bruar oder März an nicht nur einen, sondern mehrere Impfstoffe sowie weiter verbesserte Behandlungsmöglichkeiten und Erkenntnisse geben wird. Die Hamburger Virologin Marylyn Addo sagte am Freitag, dass sie „täglich auf Ergebnisse“ aus den Impfstoffstudien warte, die sich in der dritten und entscheidenden Phase befinden. Die Signale, die sie von dort empfange, seien sehr positiv.

Wie dringend wir diese brauchen, erleben wir alle, wenn wir in diesen Tagen mit Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen über die Lage diskutieren. Die Stimmung ist gereizter als im März oder April, Gespräche werden hitziger, und die Frage, wer an dem ganzen Schlamassel schuld sei, wird häufiger gestellt. Das ist menschlich, führt im Angesicht einer Naturkatastrophe, die die Pandemie ist und für die am Ende niemand etwas kann, aber nicht weiter. Oder will jemand Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Vorwurf machen, dass ausgerechnet er sich angesteckt hat?

Warum Deutschland besser durch die Krise kommt

Drei Punkte haben bisher dazu geführt, dass Deutschland – immer noch! – besser durch diese Krise kommt als die meisten europäischen Nachbarn. Erstens: der gesellschaftliche Zusammenhalt und die breit geteilte Erkenntnis, dass diesmal wirklich jeder Einzelne den Unterschied machen kann, gepaart mit der (zuletzt leider nachlassenden) deutschen Disziplin.

Zweitens: die frühen und sehr, sehr vielen Tests, in Hamburg waren es zuletzt 15.000 – pro Werktag. Und drittens: die Arbeit der Gesundheitsämter, denen es wie in wenigen anderen Ländern gelungen ist, Infektionsketten zu identifizieren und zu unterbrechen.

Genau daran müssen wir in diesem Lockdown-November anknüpfen, siehe oben, dürfen von den kommenden Monaten aber trotzdem nicht zu viel erwarten: Im Winter Sieben-Tages-Werte von weniger als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner zu erreichen wäre, gerade in einer Großstadt wie Hamburg, schon eine gute Leistung. Das muss doch zu schaffen sein!

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