Meinung
Leitartikel

Warum der gern geschmähte Hafen gerade so wichtig ist

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Die maritime Wirtschaft kommt besser durch die Krise als manche Zukunftsbranche – auch in Hamburg. Ein Kommentar.

Hamburg. Eine gewisse Genugtuung war nicht zu überhören, als der Unternehmensverband Hafen Hamburg am Dienstag seine Quartalszahlen präsentierte: Das Herz der heimischen Wirtschaft schlägt munterer, als selbst Reeder oder Terminalbetreiber noch vor Kurzem geglaubt hatten. Während viele in der Stadt die Branche in den vergangenen Monaten schon zum Auslaufmodell erklärt, Investitionen infrage gestellt und im Geiste die Hafenflächen schon neuen Nutzungen zugeführt hatten, entwickelt sich die maritime Branche besser als die deutsche Wirtschaft insgesamt.

Während das Bruttoinlandsprodukt zwischen fünf und sechs Prozent einbrechen dürfte, rechnet der Hafen nur noch mit einem leichten Minus von rund drei Prozent. Die Reederei Hapag-Lloyd konnte im Corona-Jahr sogar den Gewinn vor Zinsen und Steuern um knapp ein Drittel steigern. Andere Hamburger Unternehmen der oft müde belächelten und geschmähten „Old Economy“ stehen in der Krise ebenfalls stabil da – die Kupferhütte Aurubis etwa bleibt bei ihren Jahreszielen. Auch die Bauwirtschaft kommt bislang gut durch das ex­trem schwierige Jahr 2020.

Andere Branchen hingegen, die auch Ökonomen als Hoffnungsträger ausgemacht haben, werden von der Pandemie brutal getroffen und zurückgeworfen: Der Dienstleistungssektor ist erschüttert, der Tourismus leidet massiv wie die Kultur, die Kreuzfahrtbranche steht still, die Luftfahrtindustrie geht durch ihre bislang wohl tiefste Krise.

Corona: Hamburg braucht den Hafen als Stütze

Natürlich konnte niemand diese Pandemie vorhersehen. Und doch ist Corona eine Lehre in Demut. Wirtschaft lässt sich eben nicht an einer Taktiktafel entwerfen, noch weniger in Fünfjahrespläne gießen oder nach dem letzten Schrei der politischen Debatte gestalten.

Das bedeutet nun nicht, in ein tumbes „Weiter so“ zu verfallen und blind auf alte Geschäftsmodelle zu setzen – der Hafen steckt weiter in einer strukturelle Krise. Die Stadt muss also neue Wachstumsfelder erschließen, neue Branchen fördern und Zukunftstechnologien anschieben.

Aber jede Verachtung für die „Old Economy“ ist fehl am Platze – sie ist derzeit ein Stabilitätsanker in der tiefsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Hamburg benötigt also beides: Es muss seine Stärken stärken – und neue Wirtschaftszweige stark machen. Am Ende muss es darum gehen, die Prioritäten richtig zu setzen.

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Entscheidend ist der Rahmen, den die Politik steckt – es bedarf eines breiten Raumes, in dem sich unternehmerische Kreativität entfalten kann, und einer funktionierenden Infrastruktur. Das gilt für die Digitalisierung wie für den Hafen: Es kann nicht angehen, dass die Fahrrinnenanpassung der Elbe in Deutschland 18 Jahre dauert.

Auch die für den Hafen wichtige Fehmarnbelt-Querung verzögert sich aufgrund deutscher Eigenheiten in einem vermeintlich einigen Europa. Das dänische Parlament hatte das Baugesetz bereits im April 2015 auf der Basis einer Umweltverträglichkeitsstudie verabschiedet. Dort gab es 46 Einwendungen gegen den Bau des 18 Kilometer langen Tunnels, der Fehmarn und Lolland verbinden soll.

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In Deutschland hingegen lag die Zahl der Einwendungen gegen den Bau einer Eisenbahn- und einer Autoröhre am Ende bei mehr als 12.600. Nun muss am 3. November das Bundesverwaltungsgericht entscheiden.

Wenn die Pandemie hoffentlich im kommenden Jahr unter Kontrolle ist, werden wirtschaftliche Fragen ein ganz anderes Gewicht bekommen. Das Wirtschaftswunder der Zehnerjahre ist vorbei, an einem neuen Wirtschaftswunder der 20er-Jahre wird man hingegen hart arbeiten müssen. Auch der Hafen wird dafür gebraucht.

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