Meinung
Leitartikel

Die neuen Corona-Regeln werfen Fragen auf

Der Autor ist Chefreporter der Lokalredaktion des Abendblatts.

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Foto: Monika Drews / HA

Die neuen Kontaktbeschränkungen sind richtig. Der Hamburger Senat muss sie aber besser erklären.

Hamburg. Als der Bürgermeister und die Senatoren schon zwei Stunden lang gesprochen hatten, hing doch noch eine Frage in der Luft: Was, bitte schön, heißt das denn jetzt? So klar, wie die neuen Kontaktbeschränkungen auf zehn Personen oder zwei Haushalte am Freitag klangen, waren sie auch für den Senat zunächst nicht. Seine Juristen mussten Überstunden machen und das genaue Regelwerk erst entwickeln – für Restaurantbesuche, Umzüge, Hochzeiten, Sport in Hallen und für Kinder, die zu Halloween ihre Süßigkeitenlager füllen wollen.

Inzwischen lässt sich festhalten: Das neue Kontaktverbot ist hart, es dreht Teile unseres Alltags etwa auf den Stand von Anfang Mai zurück. Und wie damals bietet es genauso seltsame Lücken, wie es in einzelnen Punkten kaum nachzuvollziehen ist. Richtig sind die Einschränkungen trotzdem. Der Senat muss sich jedoch fragen lassen, ob er die nötigen Schritte im Kampf gegen die Pandemie auch ausreichend erklärt.

Seit Beginn der Pandemie hat Hamburg eine weitestgehend klare Linie verfolgt

Schon vor einer Woche war angesichts täglich steigender Fallzahlen klar, dass es weitere Einschnitte brauchen würde. Es folgte die Ankündigung, private Feiern weiter begrenzen zu wollen – freilich ohne sagen zu können, was dies etwa für konkrete Anlässe wie Kindergeburtstage bedeutet. Hinter den Kulissen wurde derweil noch um die grundlegende Strategie gerungen. Sollte man jetzt durchgreifen, um den Trend zu brechen? Oder ist es besser, die Zügel nur leicht anzuziehen – um mit einem noch beherrschbaren Infektionsniveau, aber auch einer laufenden Wirtschaft durch die kalten Monate zu kommen?

Tschentscher: Diese Corona-Regeln gelten ab Montag:

Tschentscher: Diese Corona-Regeln gelten ab Montag

Seit Beginn der Pandemie hat Hamburg eine weitestgehend klare Linie verfolgt. Und klugerweise begann der Senat bereits mit weiteren Einschränkungen, bevor die Fallzahlen wie in anderen Städten wieder explodierten. In der abgelaufenen Woche wurde dagegen etwas Zeit und auch Verständnis der Bevölkerung verspielt. Beinahe wichtiger als die Regeln selbst ist, dass sie nachvollziehbar bleiben. Schon für eine Maskenpflicht vor einzelnen Hausnummern galt das nicht. Für widersprüchliche Aussagen am Wochenende, ob nun doch auch drei Haushalte zusammen essen gehen dürften, solange der Abstand gewahrt bleibt, noch weniger.

Nur wenn alle Fragen geklärt sind, kann unsere Stadt im Kampf gegen die Pandemie gemeinsam wieder die Oberhand gewinnen

Wer sich nun die neuen Regeln ansieht, kann sich fragen, warum etwa ein Hallen-Fußballspiel mit engem Körperkontakt wie gehabt legal ist, aber der Kochabend mit zwei befreundeten Paaren schon auf dem Index steht. Und die Antwort muss lauten, dass es keinen logischen Grund gibt – aber mehrere praktische. Fast überall, wo es ein überlegtes Hygienekonzept gibt, sind die tatsächlichen Ansteckungen noch gering. Und es wäre genauso falsch, in Richtung eines zweiten Lockdowns zu überziehen, wie den Ernst der Lage in der Stadt abzustreiten.

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Im Senat bemühen sie gern den „Geist der Verordnung“, um die scheinbaren und tatsächlichen Ungereimtheiten zu erklären. Dass es um die grundlegende Botschaft gehe. Und diese lautet zu Recht: Unabhängig von drohenden Strafen ist Verzicht geboten. Die Lebensrealität ist zu komplex, um überhaupt ein Regelwerk zu werfen, das in allen Feinheiten gerecht ist. Das schließt aber nicht aus, die geltenden Regeln – und ihre Ausnahmen – allen Hamburgern auch schnell verständlich zu machen.

Ein Schritt dahin könnte sein, auch die internen „Auslegungshilfen“ zu den Regeln öffentlich zu machen. Mit einer neuen Übersicht auf seiner Website hat der Senat noch am Wochenende selbst bereits etwas mehr Transparenz hergestellt. Nur wenn alle Fragen geklärt sind, kann unsere Stadt im Kampf gegen die Pandemie gemeinsam wieder die Oberhand gewinnen.