Meinung
Leitartikel

276 neue Corona-Infektionen: Was Hamburg jetzt tun muss

| Lesedauer: 4 Minuten
Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Stephan Steinlein ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Mark Sandten / HA

Höchster Tageswert seit Pandemie-Beginn. Schärfer kontrollieren, konsequent Bußgelder verhängen, Konzessionen entziehen.

Die Zahl des Tages lautet: 276. So viele Hamburger haben sich innerhalb von 24 Stunden mit Corona infiziert. Das ist der höchste Tageswert seit Beginn der Pandemie. Aktuell kommen wir auf eine Inzidenz von 64,6 Neuinfektionen (in sieben Tagen, bezogen auf 100.000 Einwohner). 276 und 64,6 - diese Zahlen reißen keine neuen Grenzwerte, sie lösen auch nicht automatisch weitere Regelverschärfungen im öffentlichen Leben aus. Aber sie sind Grund zur Besorgnis, Mahnung und Weckruf.

Bislang ist Hamburg im Vergleich zu vielen anderen Großstädten und auch ländlichen Regionen eher gut durch die Pandemie gekommen. München meldet aktuell einen Inzidenzwert von 82, in Berlin sind es 104, Köln kommt auf 111, im Berchtesgadener Land sind es gar 292. Auch sind die Krankenhäuser in Hamburg weit entfernt von ihrer Belastungsgrenze. Das alles spricht dafür, dass die Stadt vieles richtig gemacht hat.

Einschränkungen sind nötig, solange einem Teil der Gesellschaft jegliche Solidarität fehlt

Aber die Zahl der Menschen steigt, die mit Corona in Kliniken behandelt werden. Und mit ihr die der besonders schwer Erkrankten, die intensivmedizinische Pflege benötigen. In den Altenheimen kommt es wie im Frühjahr wieder vermehrt zu Corona-Ausbrüchen – also unter den besonders gefährdeten Menschen. In der Altersgruppe der älter als 70-Jährigen galten zuletzt fast 1200 Menschen als infiziert. Ein Blick auf weitere Hamburger Zahlen hilft: Es sind vor allem die 20- bis 29-Jährigen, die das Infektionsgeschehen treiben. 1155 Männer und 1044 Frauen haben sich in dieser Altersgruppe mit Corona angesteckt. Und das mit weitem Abstand. Ein Zufall? Das sogenannte Infektionsgeschehen hat vor allem einen Treiber: gesellige Zusammenkünfte, gern mit reichlich Alkohol. Egal ob zu Hause, in der Kneipe oder bei der Großhochzeit.

Nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa halten 81 Prozent der Deutschen die geltenden Regeln für angemessen oder gar nicht ausreichend. Das heißt: Lediglich eine Minderheit (in der Umfrage waren es 16 Prozent) empfindet die Einschränkungen als überzogen. Sind sie das – überzogen? Nein. Leider ist dieses Regelwerk nötig, solange einem Teil der Gesellschaft jegliche Solidarität fehlt.

Wer Regeln bricht, gehört nicht ermahnt, sondern mit einem Bußgeld belegt

Womit wir bei dem wären, was jetzt passieren muss. Zuletzt hatte die Polizei drei Großhochzeiten beenden müssen: Party, Tanzen, vermutlich reichlich Alkohol statt Masken und Gästelisten. Oder die illegale Party in einem verbarrikadierten Kellerclub an der Reeperbahn. Feiern, als gäbe es kein Corona.

Offensichtlich reichen Bußgelder für Besucher und Gastgeber nicht aus. Solche Clubbetreiber und Vermieter von Lokalitäten sind nicht seriös. Das Bußgeld für sie ist nach einem großen, rauschenden Fest vielleicht schnell verkraftet – der Konzessionsentzug aber sicher nicht. Wer meint, die Regeln zum Schutz der Bevölkerung derart eklatant und möglicherweise folgenschwer brechen zu müssen, sollte mit einem Berufsverbot rechnen müssen. Also: Bußgeld plus Konzessionsentzug, allein schon, um die seriösen Gastwirte zu schützen.

Was Hamburg noch tun sollte? Die Polizei muss den Kontrolldruck so hoch halten wie zuletzt. Wer Regeln bricht, gehört nicht ermahnt, sondern mit einem Bußgeld belegt. Der Senat muss das von ihm ausgelöste Maskenwirrwarr auf gut frequentierten Straßen und Plätzen auflösen. Dann – als Beispiel – lieber auf dem kompletten Mühlenkamp eine Maskenpflicht als stundenweise auf einem kleinen Abschnitt, was keiner versteht. Zudem muss der Senat endlich das umsetzen, was er am Dienstag angekündigt hat: strengere Obergrenzen und Regeln für Feiern, egal ob zu Hause oder in der Kneipe. Denn die punktuelle Regelverschärfung ist besser als der neue Lockdown.

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