Meinung
Deutschstunde

Jeden Tag ein kleines Wunder – von zu Hause

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen

Das Abendblatt entsteht zurzeit in Dutzenden von Homeoffices. Hier gedenken wir der letzten Fehler, die dabei passieren.

Hamburg. Ich verstecke mich als Witwer und Single hier auf dem Dorf vor den Viren und kann mich einzig und allein mit meinem Hund unterhalten, der mir auch aufmerksam zuhört, mit dem Schwanz wedelt und dann zur Schublade mit den Schmackos und den getrockneten Pansen-Streifen guckt. Deshalb möchte ich auf keinen Fall den Kontakt per Internet missen und nicht so lange über die Flut der Post stöhnen, bis diese versiegt ist. Allerdings ahnte ich es gleich, dass meine in der letzten Woche geäußerte Bitte, die Korrespondenz mit mir möglichst auf meine eigenen Texte zu beschränken, ein frommer Wunsch bleiben würde, denn nun werde ich erst recht mit teils skurrilen Sprachproblemen überschüttet, die die Einsender offenbar seit Langem mit sich herumgetragen haben und niemandem anders anvertrauen wollten. Und das freut mich natürlich.

Allerdings ist es zeitraubend, Dutzende Male für einen Flüchtigkeitsfehler in einer Meldung herangezogen zu werden, in der die Polizei die Konten eines Gaunerpärchens „einfrierte“. Ich schwöre, dass ich die Form weder geschrieben, produziert noch freigegeben habe. Deshalb kann ich nur darauf hinweisen, dass das Abendblatt seit seiner Gründung am 14. Oktober 1948 das Verb „frieren“ hunderttausendfach richtig konjugiert hat, sodass wegen eines einzigen Ausrutschers nicht gleich der grammatische Notstand ausgerufen werden muss.

Und noch etwas möchte ich hinzufügen, das ich als Ruheständler von zu Hause aus mit größter Anerkennung beobachte: Diese Zeitung ist nicht wie sonst in quirligen Redaktionsräumen entstanden, in denen die Kolleginnen und Kollegen vor journalistischer Kreativität geradezu platzen, sondern ausschließlich in weit verstreuten Home­offices. Dabei kann es schon einmal passieren, dass der Schreiber so sehr fror, dass er „frierte“, und dass die zuständige Schlussredakteurin, die sich auf Sylt ins Netz eingewählt hatte, den Text gar nicht zur Korrektur auf den Bildschirm bekam.

Regionale Variante

Ein anderer Leser „frierte“ nicht nur, sondern schwor, dass das Abendblatt häufig „schwörte“ schreibe. Auch hierbei sollten wir es nicht zur Vereidigung kommen lassen, denn die schwache Form „schwörte“ steht immerhin im Wörterbuch, nämlich als regionale oder landschaftliche Variante – und was könnte landschaftlicher sein als ein von den Autos gesäubertes und den Rad­fahrern übergebenes Hamburg?

Eine Familie konnte sich nicht einigen, ob das Referat der vor dem Abitur stehenden Tochter „Atombombenabwürfe“ oder „Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki“ betitelt werden müsse. Beides ist möglich, sodass ich beiden Parteien recht geben konnte. Ich fügte auch nicht hinzu, dass Donald Trump allen Gerüchten zum Trotz an der Zerstörung Hiroshimas nicht schuld war, fragte mich aber, ob der Lehrer auch ein Referat über den 7. Dezember 1941 in Pearl Harbor vergeben hat.

Hinweise zum Schreiben eines Briefes

Die Behauptung, im Abendblatt mehrmals den Plural „Mitgliederinnen“ gelesen zu haben, ließ sich mit einer digitalen Suche im Archiv nicht erhärten. Es heißt „das Mitglied“, wobei es sich eindeutig um ein Neutrum und nicht etwa um ein zu bekämpfendes generisches Maskulinum handelt. Alle Genera werden angesprochen, sodass Sie Ihr Rundschreiben nur mit der Anrede „Liebe Mitglieder“ versehen und unbedingt Abstand von grammatischen wie auch von sexistischen Schöpfungen und Kreuzungen nehmen sollten.

Bei dieser Gelegenheit einige formale Hinweise zum Schreiben eines Briefes, der im Netz als „E-Mail“ und nicht etwa als „Email“ oder gar als „email“ bezeichnet wird. Die Anrede, die niemals weggelassen werden sollte, endet mit einem Komma und nicht mit einem Ausrufezeichen. Falls Sie es lockerer angehen wie bei „Hallo, Herr Schmachthagen, …“, so steht hinter „Hallo“ ein weiteres Komma. Der Text beginnt am Anfang einer neuen Zeile mit einem Kleinbuchstaben, falls das Wort ansonsten kleingeschrieben wird. Das Pronomen „ich“ ist als erstes Wort erlaubt und darf weder weggelassen noch irgendwo in die Syntax hineingewürgt werden. Die Unterschrift sollte, selbst wenn Sie den Empfänger hassen, immer „Mit freundlichen Grüßen“ lauten und bekommt am Ende kein Komma.

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