Meinung
Deutschstunde

Als das Klößchen aus der Pfanne sprang

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über  die Tücken der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: HA

Da lag es nun und hatte keinen Namen. Die Gnocchi kann man weder aussprechen noch beugen, noch einzeln benennen.

Hamburg. Meine Enkelin Elisa (6), Mitte August eingeschult, hat zum ersten Mal Ferien, Herbstferien, um genau zu sein. Sie solle sich entspannen, schreibt die Lehrerin an die Eltern, aber auch das Heft mit dem bisher Gelernten durcharbeiten, um während der freien Tage nichts zu vergessen. Elisa kann inzwischen nicht nur „Mama“, sondern auch „Papa“ und „Oma“ schreiben, und die Vokale bezeichnet sie jetzt als „Piloten“, wohl deshalb, weil diese Buchstaben die Wörter steuern. Ich versuche herauszubekommen, ob die Konsonanten (Mitlaute) demnach die Passagiere sind, die geflogen werden.

Deutsche Sprache von Anfang an richtig vermitteln

Die Klasse hat schon ein erstes kleines Diktat geschrieben. Elisa war untröstlich; sie hatte „oma“ kleingeschrieben. Wortkunde, Großschreibung, zu Weihnachten vielleicht sogar die Zeichensetzung – ich bin verblüfft über die Geschwindigkeit, mit der den Kindern die deutsche Sprache vermittelt wird, und zwar von Anfang an richtig. Nach meiner Kenntnis fühlen sich Elisa und ihre Freundinnen nicht überfordert, sondern sind stolz darauf, es den Erwachsenen gleichtun zu können (wobei wir die Rechtschreibkenntnisse vieler Erwachsener hier nicht erörtern wollen).

Diese Methode halte ich für weitaus besser als das unsägliche „Lesen durch Schreiben“, bei der die Kinder „kreativ“, aber grausam falsch drauflosschmieren durften, bis sie für ihr ganzes Leben orthografisch kontaminiert waren. Ich musste dabei immer an den Fahrschüler denken, dem der Fahrlehrer vor der ersten Stunde sagte: „Fahr man los, links oder rechts, Rot oder Grün, ganz wie du willst. Wenn’s scheppert, hast du etwas falsch gemacht.“

Die meisten Fremdwörter passen sich mit der Zeit der deutschen Flexion an

Elisas Schule hat auch eine Mensa, in der die meisten Kinder Mittag essen. „Was gab’s denn?“, fragte ich. Eine Freundin rief begeistert: „Spaghettis!“ Die Zusatzfrage „Mit Zigeunersoße?“ schluckte ich im letzten Augenblick herunter. Diskussionen über die Political Correctness wären nicht altersgemäß gewesen, doch eine Korrektur italienischer Plurale konnte ich mir auch Sechsjährigen gegenüber nicht verkneifen. „Es heißt ‚die Spaghetti‘, nicht ‚die Spaghettis‘, also ohne ‚s‘“, erklärte ich. Die Kinder staunten. „Und wie heißt eine einzelne lange Nudel?“, wollte ein Mädchen wissen. „Das ist ein Spaghetto. An der Wand eurer Turnhalle befinden sich viele Graffiti, während eines dieser zweifelhaften Kunstwerke ein Graffito wäre. Mutter hat auf dem Wochenmarkt ein Kilo Zucchini gekauft, nachdem sie einen Zucchino genau geprüft hatte.“

Die meisten Fremdwörter passen sich mit der Zeit der deutschen Flexion (Beugung) an und werden zu Lehnwörtern, doch die italienischen Esswaren sind in dieser Hinsicht etwas stur. Kürzlich hatte ich ein langes Gespräch mit der Duden-Sprachberatung, um die Einzahl von Gnocchi herauszufinden. Gnocchi sind Klößchen aus einem Teig mit Kartoffeln und Mehl, und bevor man sie isst, sollte man sie erst einmal aussprechen können. Der Plural hört sich wie [`njoki] an, beginnend mit einem gutturalen [nj], einem geschlossenen [o] und einem [k]. Das „h“ wird nicht gesprochen, sondern verhindert, dass das „c“ zum Zischlaut mutiert. Dann hieße es [´njotschi] wie in „Cappuccino“.

Bei Latte macchiato[s] setzt sich allerdings immer mehr das deutsche Plural-s durch

Ich stellte also meine Frage: „Ich schüttete die Gnocchi in die Pfanne, aber ein Gno…, ja, wie heißt nun der Singular?, fiel daneben.“ Die Antwort: „Schreiben Sie ‚Klößchen‘. Ein Singular von Gnocchi ist im Deutschen nicht vorgesehen!“ Hm, da lag nun das Gebilde aus Kartoffeln und Mehl neben der Pfanne und hatte keinen Namen. Also betätigte ich mich formenbildend und nannte das Klößchen „einen Gnocco“, hier ohne „h“, denn vor einem „o“ wird das „c“ italienisch ohnehin als k-Laut gesprochen.

Ein Cappuccino ist ein heißes Kaffeegetränk, das mit aufgeschäumter Milch zubereitet wird. Wenn sich Kaffee und Milch im Glas vermischen, nimmt das Getränk die Farbe der Kutte der Kapuzinermönche an, was zu der Bezeichnung geführt hat. Formal lautet auch hier der Plural „Cappuccini“, doch ist Ihre Bestellung „Herr Ober, drei Cappuccino, bitte!“ akzeptabel, denn im Deutschen verstehen wir „drei Tassen Cappuccino“ darunter. Bei Latte macchiato[s] („gefleckte Milch“) setzt sich allerdings immer mehr das deutsche Plural-s durch.

deutschstunde@t-online.de