Meinung
Deutschstunde

Wenn der Sexus nicht zum Genus passt

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über  die Tücken  der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: HA

Dann gibt es Streit, ob ein Mädchen sächlich oder weiblich ist. Es geht um die Kongruenz, die Übereinstimmung der Satzglieder.

Hamburg. Meine Enkelin, im Mai sechs geworden, ist Mitte August zur Schule gekommen – nicht in Hamburg, sondern im Kreis Stormarn. Sie ist begeistert. Mitte September konnte sie bereits „Mama“ schreiben und erklärte mir am Telefon: „Opa, wir haben schon alle Vokale gelernt!“ Etwas verblüfft ob dieses Fachbegriffs aus dem Munde einer Erstklässlerin fragte ich zurück: „Elisa, was sind denn Vokale?“ „Na, Opa, a, e, i, o, u – weißt du das nicht?“

Gleichzeitig bekam ich eine E-Mail von einem älteren Leser, in der es hieß: „Schön, dass es Sie gibt! Heute war die Kolumne ‚Tmesis‘ für mich wieder sehr lehrreich. Bitte auch weiterhin die lateinischen Begriffe in Klammern übersetzen.“ Das lässt den Schluss zu, dass es eher betagte Leserinnen und Leser sind, die während ihrer Schulzeit nur die deutschen Bezeichnungen benutzt haben, wenn ich auch nicht annehmen will, dass die Kinder zwischen Einschulung und Herbstferien bereits das gesamte Vokabular der griechisch-lateinischen Fachbegriffe beherrschen. Allerdings überlege ich, wie oft ich noch gängige Begriffe wie Konjunktion (Bindewort), Plural (Mehrzahl) oder Adjektiv (Eigenschaftswort) übersetzen kann, bis ein Leser genervt zurückfragt, ob ich ihn etwa für beschränkt halte.

Natürlich bedürfen seltene Ausdrücke wie etwa Tmesis (Teilung eines Verbs), Syntax (Satzbau) oder Semantik (Bedeutungslehre) weiterhin ihrer „deutschen“ Klammer. Dazu gehört auch die Kongruenz. Darunter versteht man in der Sprachwissenschaft die formale Übereinstimmung zusammenhängender Teile in einem Satz. Wenn zum Beispiel das Subjekt (Satzgegenstand) im Plural steht, kann sich das Prädikat (Satzaus­sage) nicht im Singular (Einzahl) präsentieren. Die Regel fordert in diesem Fall eine Übereinstimmung, eine Kongruenz im Numerus (in der Zahlform) – Plural zu Plural, Singular zu Singular.

Schwierig wird es bei der Kongruenz im Genus

Ben und Otto sind auf dem Weg zum Schwimmbad; also „gehen“ (Plural) zwei Personen (ebenfalls Plural) schwimmen. Falls nun der kleine Fritz hinterherhechelt, so fordert die Kongruenz den Singular, denn jetzt „geht“ als Letzte nur eine Einzelperson schwimmen. Ben oder Otto „müssen“ auf Fritz aufpassen. Müssen? Falsch! Entweder passt Ben auf, oder Otto passt auf, aber keinesfalls beide gleichzeitig. Da also jeweils nur eine Person aufpasst, steht das Prädikat im Singular. Es heißt: Ben oder Otto „muss“ auf Fritz aufpassen. Merke: Mit „und“ Plural, mit „oder“ Singular.

Schwierig wird es bei der Kongruenz im Genus, im Geschlecht, denn hier stoßen sich zwischen Hochsprache und Umgangssprache häufig das grammatische Geschlecht (Genus) und das na­türliche oder semantische Geschlecht (Sexus). Im Maskulinum (männlich) oder Femininum (weiblich) entstehen kaum Reibungspunkte, etwa bei der Wahl des zugehörigen Pronomens (Fürwortes): Der Mann geht schwimmen; „er“ fürchtet die September-Kälte nicht. Seine Frau fährt hinterher; „sie“ hat heißen Tee dabei.

Völlig unberechtigter Shitstorm

Doch wie ist es mit einem Mädchen? „Das“ Mädchen ist ein generisches Neu­trum, ist grammatisch gesehen sächlich, sodass als Kongruenz im Genus das zugehörige Pronomen „es“ lautet: Das Mädchen kann nicht schwimmen; „es“ bleibt am Beckenrand stehen. Da aber alle Welt in einem Mädchen ein weibliches Wesen sieht, hört man oft den Bezug mit dem Pronomen „sie“. Das ist hochsprachlich jedoch falsch!

Die Kolleginnen in der Lokalredaktion hatten den vierspaltigen Aufmacher einer Seite mit der Überschrift „Mädchen (16) stirbt auf der Party seiner Freundin“ versehen. Als ich die Zeitung zu Hause aus dem Briefkasten holte, freute ich mich über die grammatische Korrektheit dieses Titels und murmelte „Alle Achtung!“ in meinen Dreitagebart.

Ich ahnte aber gleich, dass diese richtige Kongruenz einen völlig unberechtigten Shitstorm in der Leserschaft auslösen werde. Im Fließtext hätte die Meldung mit dem Pronomen „es“ wiederaufgenommen werden müssen: „Es war sofort tot.“ Da dies jedoch aller biologischen Erfahrung widerspricht, sollte man das natürliche Geschlecht durch ein neues Bezugswort hereinholen: „Die Schülerin starb wegen ‚ihres‘ Alkoholkonsums.“

deutschstunde@t-online.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung