Meinung
Kommentar

SPD Hamburg-Mitte muss sich neu aufstellen

Peter Ulrich Meyer leitet das Ressort Landespolitik des Hamburger Abendblatts.

Peter Ulrich Meyer leitet das Ressort Landespolitik des Hamburger Abendblatts.

Foto: HA / A.Laible

Johannes Kahrs hat ein Machtvakuum hinterlassen. Der zackige Führungsstil von Kahrs passt nicht mehr in die Zeit.

Hamburg. Die SPD Mitte ist – oder muss man schon sagen: war? – in der machtgewohnten Hamburger SPD eine besondere Macht. Stets wussten die Mitte-Genossen vor allem ihre Personalpolitik kraftvoll durchzusetzen, zur Not auch beinhart und unter Inkaufnahme von Blessuren bei Parteifreunden. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, Innensenator Andy Grote und Bürgerschaftsfraktionschef Dirk Kienscherf – alle drei sind Mitte-Genossen. Der Kreisverband im Zentrum der Stadt ist in Spitzenpositionen von Senat und Bürgerschaft ausgesprochen gut repräsentiert.

Diese Form der robusten politischen Interessenvertretung trägt seine Handschrift: Johannes Kahrs, langjähriger Kreisverbandschef, Bundestagsabgeordneter und Exponent des konservativen Flügels seiner Partei. Kahrs hatte ein System perfektioniert, das intern auf Loyalität setzt, wenn nicht Gehorsam einfordert, und im Gegenzug den politischen Aufstieg ermöglicht.

Mitte war für die SPD über viele Jahre eine Hochburg

Auf der anderen Seite lieferte Kahrs Ergebnisse: Mitte war für die SPD über viele Jahre eine Hochburg, eine sichere Bank. Aber der große Mitte-Zampano ist weg, hat alle Ämter und Mandate Knall auf Fall hingeworfen und mischt sich nicht mehr ein. Kahrs hinterlässt ein Machtvakuum. Der in Corona-Zeiten illegale Kneipenbesuch von Innensenator Grote mit Parteifreunden wirkt zudem wie ein zersetzendes Gift, weil der anonyme Hinweisgeber in den eigenen Reihen vermutet wird.

Die Zeiten haben sich geändert, der Bezirk Mitte hat sich verändert, und die SPD Mitte muss sich neu aufstellen. Der zackige Führungsstil von Johannes Kahrs passt nicht mehr in die Zeit. Mehr Kooperativität, mehr Beteiligung können der richtige Weg sein. Eine Mitgliederbefragung über die Direktkandidatur für die Bundestagswahl 2021, wie jetzt erwogen, ist da nur ein erster Schritt.