Meinung
Leitartikel

Reeperbahn Festival – zum Heulen schön

Tino Lange, Kulturredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Tino Lange, Kulturredakteur beim Hamburger Abendblatt.

Foto: Klaus Bodig / HA

Das gelungene Reeperbahn Festival zeigt auch, wie schlecht es um die Clubs steht.

Auf dem Weg in die Redaktion fuhr ich einen kleinen Umweg zur Kreuzung von Lehmweg und Eppendorfer Weg. An diesem spitzen Winkel befindet sich heute ein vietnamesisches Bistro, aber in den Jahren 1970 bis 1985 stand dort Onkel Pös Carnegie Hall. Dort reifte seinerzeit eine Vielzahl Musikerinnen und Musiker heran, die den kurzzeitigen, aber deutschlandweiten Begriff „Hamburger Szene“ prägten: Udo Lindenberg und Otto Waalkes, Lonzo und Willem. Al Jarreau startete vom Pö aus seine Weltkarriere, und auch die frühen U2 hielten noch kurz dort an, als das Pö in den letzten Zügen lag.

In war, wer drin war. Onkel Pö und Star-Club, Danny’s Pan und Heinz Karmers Tanzcafé, Marquee, Hasenschaukel, Jazzhouse, Weltbühne oder Golem mögen teilweise nur noch Eingeweihten etwas sagen. Aber das dort Gesehene, Gehörte und Erlebte, das Unerhörte und Unfassbare hat sich tief in der Seele der Musikstadt Hamburg verwurzelt. Von dort aus verzweigt es sich weiter zu Molotow und Mojo, Hafenklang und Logo und den anderen 100 Musikspielstätten. Hierhin kommen die Stars, und von hier aus gehen neue Sterne auf.

Das Reeperbahn Festival hat seit 14 Jahren die ganze Liebe und Leidenschaft der Clubkultur und der Menschen dahinter, von den Betreiber-Teams bis zu den Gästen, gebündelt und natürlich auch international vermarktet. Dann kam Corona. Jetzt versucht das Reeperbahn Festival noch bis zum heutigen Sonnabend, die international stillgelegte Livemusik-Kultur und -Wirtschaft wieder zu beleben, anzuregen und zu inspirieren. Es will zeigen, was unter diesen Umständen maximal möglich ist, und zumindest das ist wirklich gelungen. Die Organisation vom Programmablauf bis zur Risiko-Minimierung ist nahezu perfekt. Veranstalter, Musikschaffende, Mitarbeiter und nicht zuletzt ein unter den derzeitigen Umständen vorbildliches und sehr belastbares Publikum machen dieses Experiment zu einem Erlebnis, das trotz aller Einschränkungen auch immer noch schöne Seiten hat.

Möglich gemacht haben das alles die Steuerzahlenden, und nicht alle werden sich darüber freuen. Muss Freizeitspaß, für den manche Livemusik und auch DJ-Sets halten mögen, mit Millionen Euro unterstützt werden? Ist Kultur, Subkultur uns so viel wert? Ergibt dieser ganze Aufwand Sinn, obwohl das Rock-’n’-Roll-Gefühl auf dem Festival weitgehend flöten geht? Sollten in Zeiten wieder steigender Infektionszahlen wirklich täglich Hunderte Menschen über die Reeperbahn und in die teilnehmenden Clubs, Theater und Kirchen gehen?

Auf alle diese Fragen antworte ich mit den Beatles: Yeah! Yeah! Yeah! Anders als andere Kulturformen hat sich Livemusik vor Corona weitgehend selber getragen, sie hat diese Stadt so besonders gemacht und attraktiv. Hamburg war jeden Tag im Jahr lebendig, in keinem anderen Monat hat es so viele ausverkaufte Konzerte in Clubs und Hallen gegeben wie im Februar 2020. Da müssen wir wieder hin, auch wenn das Zukunftsmusik ist, die derzeit auf dem Kiez vielleicht nur die ersten Töne spielt.

Aber bis zu dieser Zukunft geht es weiterhin um das Überleben, um den Kultur-, Wirtschafts- und Tourismusfaktor Livemusik. Ohne weitere möglichst unbürokratische Unterstützung von Bund und Ländern, Ämtern und Behörden wird es schwer sein, dieses Hamburger Aushängeschild wieder zum Leuchten zu bringen. Und nicht nur medizinische und technische Innovationen sind gefragt, sondern auch eines jeden Solidarität. Herz. Ich möchte nicht vor einem Bistro stehen und mit leuchtendem Blick erzählen: „Hier stand mal das Indra, dort das Gruenspan und dahinter die Freiheit“ … und dann gar nichts mehr.