Meinung
Deutschstunde

Schon einmal etwas von der Tmesis gehört?

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über  die Tücken der deutschen Sprache.

Der Autor schreibt hier an jedem Dienstag über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: HA

Nein? Wirklich nicht? Dabei wenden Sie sie täglich an, wenn Sie im Satz ein Partikelverb in seine Bestandteile zerlegen.

Hamburg. Es ist zwar nicht anzunehmen, dass es ausgerechnet die deutsche Sprache ist, die die Menschen aus aller Welt nach Deutschland strömen lässt, aber ohne deutsche Sprache wird es für diejenigen, die bleiben wollen (und das sind die meisten), nicht klappen. Die deutsche Sprache ist die erste Voraussetzung für die Integration in unserem Land.

Es scheint schon schwierig genug, den muttersprachlichen Nachwuchs für einen Augenblick vom Smartphone wegzulocken, um ihm einen Hauch des korrekten Deutsch beizubringen, doch umso mühsamer wird es sein, Deutsch als Fremdsprache zu vermitteln. Das liegt nur zum Teil an der komplizierten Grammatik – die ist auch in vielen anderen Ländern nicht einfacher –, sondern an der pausenlos genutzten Möglichkeit, den Wortschatz quasi bis ins Unendliche zu erweitern, indem wir zwei oder mehr selbstständige Elemente zu einem neuen Begriff, zu einem Kompositum, zusammenfügen.

Es gibt Wörter, die halten nicht fest zusammen

Aus dem Grundwort „Specht“ und dem Bestimmungswort „Mauer“, denen wir einzeln eine bestimmte Bedeutung zugeordnet hatten, entstand nach dem 9. November die Zusammensetzung „Mauerspecht“, wobei es sich weder um einen Vogel noch um Beton handelte. Wer die Semantik (den Bedeutungsinhalt) der deutschen Sprache von klein auf eingeatmet hat, wird diesen neuen Begriff beim Anblick der Menschen sofort verinnerlicht haben, die vor gut 30 Jahren die Schandmauer in Berlin mit Hammer und Meißel in viele kleine Stücke zerlegten. Ein Fremder kann sich jedoch im aufgeblähten Korpus (der Sammlung) der deutschen Sprache alleingelassen fühlen, denn der „Mauerspecht“ stand 1989 wie die meisten Komposita noch gar nicht im Duden.

Wie man in der Sprache ähnlich wie in der Chemie Elemente zusammenfügen kann, so kann man hier wie dort das Zusammengefügte auch wieder in seine Bestandteile zerlegen. Es gibt Wörter, die halten nicht fest zusammen, sondern deren Einzelteile sind bei entsprechender Syntax (Satzbau) flüchtig, laufen auseinander und reihen sich an verschiedenen Stellen wieder in den Satz ein. Zu jedem sprachwissenschaftlichen Vorgang gehört auch ein entsprechender Fachbegriff. Ich kann nicht widerstehen, den betreffenden Fachausdruck zu nennen: Wir sprechen von der Tmesis.

„Untrennbare Verben“

Wie jeder richtige Terminus der Linguistik (Sprachwissenschaft) ist auch die Tmesis griechischen Ursprungs und bedeutet eigentlich „das Abtrennen, Schneiden, Zerteilen“, auf Deutsch die Trennung zusammengehörender Wortteile. Wenn ich das tue, was ich tun muss, nämlich fortzufahren, so kann ich im Infinitiv (in der Grundform) „fortfahren“, ich kann aber auch sagen: Ich „fahre“ im Text „fort“ – und schon habe ich ein einzelnes Verb in zwei Teile zerlegt. Bei vielen Verben steht vor der Infinitivendung -en oder -n nur der Stamm:
fall-en, setz-en, arbeit-en, bring-en. Dabei handelt es sich um die sogenannten „einfachen Verben“, die wir nicht weiter zerteilen können. Daneben gibt es Verben, die ein Präfix enthalten. Präfixe sind kleinste Bestandteile wie be-, ver-, ent- oder un-, die einem Wortstamm vorangehen, wobei auch der dann immer fest zusammenbleibt. Deshalb spricht man in diesem Fall von „untrennbaren Verben“.

Anders sieht es jedoch aus, wenn wir es mit „Partikelverben“ zu tun haben, denen ein Verbzusatz vorangeht, der der Form nach wie ein Adjektiv oder eine Präposition aussehen kann und der bei entsprechender Syntax wandert: Otto will das Buch zurückbringen. Otto „bringt“ das Buch „zurück“. Ich will an dem Ausflug teilnehmen. Ich „nehme“ an dem Ausflug „teil“. Das gilt auch für das Verb „eislaufen“, das eine Tätigkeit beschreibt, bei der ich „eislaufe“. Denn ich „laufe“ gern „eis“, wobei ich „auf dem Eis laufe“. Das gilt jedoch nicht für „Eis schlecken“. Kompliziert wird es, wenn es heißt: Auf dem „Eis“ „laufe“ ich gern „eis“ und schlecke dabei „Eis“. Alles klar? Danach „fahre“ ich „Rad“. Dieses Rad wird orthografisch immer großgeschrieben, im rot-grünen Hamburg zudem im politischen Sinne. Dummerweise erscheint „Auto fahren“ aber auch (noch) mit einem Großbuchstaben. Wahrscheinlich wird der Senat nicht ruhen, bis „autofahren“ im Duden endlich kleingemacht worden ist.

deutschstunde@t-online.de