Meinung
Deutschstunde

Wenn bestimmte Wörter Flügel bekommen

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Dann haben wir es mit den „geflügelten Worten“ der Sprache zu tun – mit Zitaten, Redensarten und Sprichwörtern.

Ein nicht näher bekannter Einsender mit chinesischem Namen schrieb mir, er lese regelmäßig meine Artikel über die deutsche Sprache im Abendblatt, und fuhr fort: „Ich möchte gerne wissen, woher der Satz stammt ‚Ich kenne meine Pappenheimer‘. Könnten Sie mir dies erklären?“ Obwohl ich bei derartigen Anfragen, die nichts mit meinen aktuellen Texten zu tun haben, im Allgemeinen sehr zurückhaltend bin (auch ich möchte ab und zu einmal meinen Computer verlassen dürfen), war ich diesmal hocherfreut und habe sofort geantwortet. Ich spürte, dass hier ein Ausländer oder Mi­grant versuchte, mehr von Deutschland und dessen Kultur und Literatur zu ergründen als die Anleitung zur Bedienung eines Fahrkartenautomaten.

Um nicht missverstanden zu werden: Die Kenntnis deutscher Klassiker,die selbst Einheimische kaum noch beherrschen, ist keineswegs die Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration, zeigt aber das Interesse, die Sprache auch dann verstehen zu wollen, wenn feste Verbindungen nicht wörtlich zu nehmen sind, sondern einen tieferen Sinn und eine bestimmte Bedeutung haben.

Die Redensart „Ich kenne meine Pappenheimer“ ist ein Zitat aus dem Drama „Wallensteins Tod“ (3. Akt, 15. Szene) von Friedrich Schiller, das im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) spielt. Der vorher erfolgreiche katholische Feldherr Albrecht von Wallenstein, Herzog von Friedland, war 1634 beim Kaiser in Ungnade gefallen und von seinen Regimentern verlassen worden. Nur das Kürassierregiment des Grafen zu Pappenheim blieb bei ihm und fragte bei ihm nach. Darauf sagte Wallenstein: „Daran erkenne ich meine Pappenheimer.“ Wallenstein wurde am 25. Februar 1634 in Eger (Tschechien) ermordet.

Das Zitat hat Flügel bekommen

Wie viele Zitate aus Literatur und Schauspiel ist diese Zeile zum geflügelten Wort, zur von der Quelle und dem Kontext losgelösten Redensart geworden und bedeutet nun: zu wissen, woran man mit bestimmten Leuten ist, um ihre Eigenheiten und ihre Schwächen erkennen und zuordnen zu können. Das Zitat hat also Flügel bekommen, ist von der Bühne oder aus dem Textbuch davongeflogen und zum „geflügelten Wort“ in der Alltagssprache geworden.

Diesen Ausdruck prägte der Berliner Oberlehrer Georg Büchmann mit seinem Werk „Geflügelte Worte – der Citatenschatz des deutschen Volkes“, dessen erste Auflage im Jahre 1864 erschien und weite Verbreitung in Deutschland fand. Wir reden von Wortketten, die vorgeformt sind und nicht frei gebildet werden. Die Wortgruppe „jemandem einen Bären aufbinden“ hat in ihrer Gesamtheit eine bestimmte Bedeutung und darf in ihren Einzelteilen nicht wörtlich genommen werden. Nur wenn man diese Gesamtbedeutung kennt, versteht man, dass die Verschwörungstheoretiker den Mitläufern bei den Corona-Demonstrationen keinen Bären auf den Rücken gebunden, sondern sie dazu gebracht haben, etwas Unwahres zu glauben.

Die Abgrenzung der geflügelten Worte zwischen Zitat, Redensart und Sprichwort ist nicht scharf getrennt. Ein Zitat ist eine wörtlich zitierte Textstelle, eine Redensart eine formelhafte, immer wieder gebrauchte Verbindung von Wörtern und ein Sprichwort ein kurzer, volkstümlicher Satz, der eine Lebensweisheit enthält – etwa „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“.

Es muss nicht immer Goethe (oder Schiller) sein

Nehmen wir einmal an, unser chinesischer Freund hört im Gespräch etwas von des Pudels Kern, kann jedoch unter dem Tisch keinen Hund entdecken. Die Erklärung ist, dass diesmal Goethes „Faust“ zitiert wurde. Dem Doktor Faust war vom Osterspaziergang her ein schwarzer Pudel ins Studierzimmer gefolgt, der sich in Mephisto, in den Teufel verwandelte. Erstaunt rief Faust: „Das also war des Pudels Kern.“ Man verwendet das Zitat, um seiner Überraschung über etwas, das sich lange nicht durchschauen ließ, Ausdruck zu geben.

Es muss nicht immer Goethe (oder Schiller) sein. Kenner verwenden Tausende von Zitaten und Redewendungen oder werfen mit Sprichwörtern um sich, wobei nicht alle Zuhörer und Leser folgen können. Die Zahl der geflügelten Worte ist Legion (sehr viel). Dudens „Großes Buch der Zitate und Redewendungen“ enthält immerhin 15.000 Beispiele.

deutschstunde@t-online.de