Meinung
Leitartikel

Zahl der Infizierten sollte nicht zum Maß aller Dinge werden

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur  des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Reto Klar

Wir schauen in der Pandemie auf die Corona-Daten, die nichts sagen – und lassen uns von Emotionen leiten.

Hamburg. Es gibt gute Gründe, warum Mathematik ein Hauptfach ist: Wer die Zusammenhänge von Zahlen und Grafiken nicht verstehen kann, verliert schneller den Überblick. Möglicherweise hätten uns etwas bessere Mathe-Kenntnisse sogar vor der einen oder anderen Angst­attacke im Zusammenhang mit Corona bewahrt. So wurde anfänglich – auch vom Robert-Koch-Institut – die Zahl der Toten einfach durch die Zahl der getesteten Infizierten geteilt, um die Letalität des Covid-19-Virus zu ermitteln. So kam man auf eine Todesquote von rund vier Prozent – und viele Deutsche fürchteten, jeder 25. Infizierte werde an Corona sterben. Die Dunkelziffer der nicht getesteten Infizierten wurde einfach ausgeblendet. Längst gehen die meisten Experten von einer Letalität aus, die weit unter einem Prozent liegt. Um nicht missverstanden zu werden: Auch das ist noch eine beängstigende Zahl und zwingt zu Gegenmaßnahmen. Masken, Abstand halten und Hygiene bleiben wichtig. Aber zu Panik besteht kein Anlass.

Die sogenannte zweite Welle, von der seit Wochen in Deutschland aufgeregt die Rede ist, könnte auch am Testeifer der Bundesregierung liegen. So wurden die Testkapazitäten seit März verdoppelt, die durchgeführten Tests sogar verachtfacht. Wer mehr untersucht, stößt automatisch auf mehr Infizierte: Tatsächlich ist die Quote der positiven Tests seit Wochen unverändert.

Von einer Überforderung der Kliniken sind wir weit entfernt

Überhaupt sollte die Zahl der Infizierten nicht zum Maß aller Dinge werden – offenbar sieht das Robert-Koch-Institut es ähnlich. Denn wäre diese Zahl alles entscheidend, könnte man sich wohl kaum den Wochenendknick leisten. Zweifellos hat Deutschland Beeindruckendes in der Krise geleistet. Warum aber die Pandemie weiterhin Wochenende machen kann, ist wenig beeindruckend. Die entscheidende Zahl ist eine andere: Wie viele Menschen erkranken so schwer, dass sie ins Krankenhaus müssen oder gar auf die Intensivstation? Es war diese Zahl der klinischen Fälle und ihr exponentielles Wachstum, das die Bundesregierung Mitte März zum Lockdown trieb. Dieser war damals absolut nachvollziehbar. Es ging darum, die Kurve flach zu halten.

Das ist gelungen – und flach ist die Kurve immer noch. Anders als im Frühjahr sind wir von einer Überforderung der Kliniken weit entfernt: 18 Menschen liegen derzeit in der Hansestadt mit Corona im Krankenhaus – und nicht alle liegen nur wegen Corona dort. Sechs Infizierte befinden sich auf der Intensivstation. In Hamburg gibt es 873 Intensivbetten, mehr als zwei Drittel stehen gerade leer. Schleswig-Holstein verfügt über 1046 Betten, zwei davon sind mit Covid-19-Patienten belegt, die Gesamtauslastung liegt nur bei 59 Prozent. All das sind Zahlen, die nicht zu Sorglosigkeit verleiten dürfen, aber auch nicht zu übertriebener Angst.

Ganze Gesellschaft in den Blick nehmen

Wir müssen die ganze Gesellschaft in den Blick nehmen. Inzwischen ängstigen die Folgen von Corona viele Menschen mehr als das Virus selbst. Unzählige Bürger fürchten unverschuldet um ihre Existenz, um ihre Arbeitsplätze, um ihre Geschäfte und Unternehmen, die sie über Jahre aufgebaut haben. Ihre berechtigen Sorgen sind keine Covidiotie.

Vor dem Hintergrund dieser Nöte der Menschen und der relevanten Corona-Zahlen ist nicht nachvollziehbar, warum die Kanzlerin lieber über Verschärfungen denn über Lockerungen reden möchte. Ein besonnener Weg heraus aus den Beschränkungen wäre eine Möglichkeit, den Zweifelnden und Wütenden entgegenzukommen. Zugleich wäre es dann politisch einfacher, im Ernstfall wieder die Zügel anzuziehen. Eine Gesellschaft in permanentem – mitunter übertriebenem – Panikmodus jedenfalls sollte uns wirklich Angst machen.