Meinung
Kommentar

Es gibt noch andere Themen als Radwege ...

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

... angesichts der dramatischen Krise, die den Hafen, die Automobilindustrie und den Luftverkehrsstandort zeitgleich erfasst hat.

Hamburg. Im November 2019, in der guten alten Zeit vor Corona, brachte Hapag-Lloyd gleich fünf Bürgermeister zu einer Debatte über Hamburg und seine Zukunft zusammen. Dabei prägte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) unter eifrigem Nicken seiner Vorgänger den schönen Satz: „Allein auf Radwegen kommen wir nicht ins 21. Jahrhundert!“ Der Satz war auch im Wahlkampf immer wieder aus dem Munde des Bürgermeisters zu hören.

Nicht einmal ein Jahr und eine Corona-Krise später hat sich die Politik des Senats verschoben – offenbar liegt doch auf den Radwegen die Zukunft. Gestern stellten gleich zwei Senatoren ein Motiv einer neuen Kampagne vor: Innensenator Andy Grote (SPD) und Anjes Tjarks (Grüne), Senator für Verkehr und Mobilitätswende, warben für mehr Sicherheitsabstand beim Überholen von Radlern. Natürlich eine wichtige Sache – aber so wichtig, dass gleich ein Sechstel des Senats sich dafür der Presse stellt? Und Donnerstag gehen die Radfestspiele weiter: Dann wird Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) die Aktion „Stadtradeln“ in der City Nord starten. Es sind ja auch schöne Bilder: dynamische Senatoren auf dem Fahrrad, die frischen Wind in die Stadt bringen. Bescheiden, sportlich, ökologisch.

Inzwischen aber – das wissen leidgeprüfte Radler – droht die PR-Maschinerie etwas hohl zu drehen. Die Wahrheit liegt noch immer auf der Straße, nicht in bunten Social-Media-Kam­pa­gnen. Und angesichts einer dramatischen Krise, die den Hafen, die Auto­mobilindustrie und den Luftverkehrsstandort zeitgleich erfasst hat, stellt sich die Frage, ob der Senat nicht noch ein paar weitere Aufgaben zu erledigen hat und Hamburg nicht etwas mehr Zukunftsvisionen benötigt. Wie sagte einst Tschentscher? „Allein auf Radwegen kommen wir nicht ins 21. Jahrhundert!“