Meinung
Leitartikel

Auf Partys bitte noch verzichten

Feiern sind Ausdruck des Wunsches nach dem alten Leben – aber dafür ist es zu früh.

Über die Öffnung der Schulen und wie gefährlich bis verantwortungslos sie sein könnte, ist in den vergangenen Wochen in Hamburg viel diskutiert, ja gestritten worden. Das suggeriert, dass Infektionen in Schulen in der Corona-Pandemie aktuell unser größtes Problem sind. Sind sie aber nicht.

Unser größtes Problem sind, neben den Reiserückkehrern aus den Risikogebieten, private Feiern – aber über die ist die große Debatte bisher ausgeblieben. Das ändert sich jetzt, weil die Infektionszahlen in Hamburg und anderswo wieder steigen und dies nach den Erkenntnissen der zuständigen Behörden und Gesundheitsämter durchaus etwas mit Menschenansammlungen zu tun hat, die sich einer öffentlichen Kontrolle in der Regel entziehen.

Womit wir schon bei der ersten, vielleicht entscheidenden Frage sind: Kann man darauf im Moment nicht am ehesten verzichten? Viele tun das: Der liebe Kollege, der im April dieses Jahres 50 geworden ist, hat die Party zu seinem runden Geburtstag bereits zweimal verlegt, jetzt auf den April 2021. Die Freunde, die nach fast zehn Jahren endlich in diesem September heiraten wollten, schickten eine Karte: „Um zwölf Monate verschoben.“

Begründung: Selbst wenn wir mit 50 Leuten feiern dürften, wer hat denn wirklich Lust dazu? Wer will und kann denn wirklich ausgelassen sein, wer tanzen? Bringt doch nichts, wenn alle immer nur auf Abstände achten und an die Aerosole denken … Das ist der Punkt: Eine richtig gute Party ist mit den AHA-Regeln, also Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmasken (Mund-Nasen-Bedeckung) tragen und immer schön durchlüften, nicht in Einklang zu bringen. Schon deshalb sollte man im Moment darauf verzichten.

Kommt hinzu, dass doch kein Gastgeber im Nachhinein dafür verantwortlich sein will, dass sich ausgerechnet bei ihm Freunde, Bekannte oder Kollegen mit dem Virus angesteckt haben. Ganz ehrlich: Das ist der schönste Abend nicht wert.

Wer in diesen Tagen zu einer Feier einlädt, bringt im Zweifel seine Gäste auch in eine schwierige Lage: Wie will man absagen, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen? Traut man sich, ganz offen und ehrlich anzusprechen, dass man zum Wohle der Allgemeinheit im Moment auf größere Zusammenkünfte lieber verzichten möchte? Oder nimmt man die Einladung mit einem unguten Gefühl doch an? Und muss man den Gastgeber dann wie gewohnt umarmen, weil alles andere unhöflich wäre, Corona hin oder her?

Eine Kollegin hat erzählt, dass sie neulich von einem Bekannten bei einem zufälligen Treffen mit den Worten „Du siehst das doch mit Corona nicht so streng?“ geherzt wurde, als gäbe es die Abstandsregeln gar nicht. Er hat sich nichts dabei gedacht, ihr war das total unangenehm. Muss alles nicht sein, ist irgendwie auch unhöflich. Höflich ist im Moment, auf die sonst üblichen Umarmungen und Händeschütteln zu verzichten, und sei es nur, um sein Gegenüber nicht in Verlegenheit zu bringen.

Feiern sind der vielleicht stärkste Ausdruck des Wunsches, dass alles wieder so sein möge wie vor Corona, dass wir endlich unser altes Leben zurückwollen. Aber: Es ist zu früh dafür. Wir sollten den Politikern, die sich über bundesweite Regeln für private Zusammenkünfte und gegebenenfalls weitere Einschränkungen derzeit Gedanken machen, die Arbeit abnehmen und auf Partys vorerst verzichten.

Und sei es nur, damit wir in naher Zukunft nicht auf andere Dinge verzichten müssen, die deutlich wichtiger sind: auf den Schulbesuch unserer Kinder zum Beispiel.