Meinung
Leitartikel

Monopoly in Altona: Investoren spekulieren, statt zu bauen

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA

Im Herzen von Altona kommt eines der großen Stadtentwicklungsprojekte in Hamburg nicht vom Fleck.

Hamburg. Der Mensch gewöhnt sich an vieles, auch an seltsame und schwer verständliche Dinge – etwa daran, dass im Herzen von Altona eines der großen Stadtentwicklungsprojekte nicht vom Fleck kommt. Man gewöhnt sich daran, dass trotz steigenden Bedarfs nach Wohnungen auf dem Holsten-Areal noch nicht ein einziger Stein bewegt wurde. Man gewöhnt sich sogar daran, dass auf dem 86.000 Quadratmeter großen Filetgrundstück allein eine Aktivität zu beobachten ist – die des Besitzerwechsels. In schöner Regelmäßigkeit wird das Holsten-Quartier, auf dem bis 2018 die Carlsberg-Tochter Bier braute, weitergereicht – an immer andere Immobilienentwickler, die sich über sogenannte Share Deals die Flächen steuerfrei sichern.

Aber wir sollten uns nicht daran gewöhnen: Städte sind kein Monopoly-Spielbrett. Sondern Lebensräume.

Schon der Verkauf des Areals 2016 an die nur wenige Monate zuvor gegründete Gerchgroup warf Fragen auf. Wie ausgerechnet dieses kleine Düsseldorfer Unternehmen alle anderen Player überbieten konnte, verwunderte schon damals. Aber die Wolkenkuckucksheime der Gerchgroup, Wohnungen für bis zu 7500 Menschen, je ein Drittel Sozialwohnungen, frei finanzierter Mietwohnungsbau sowie Eigentumswohnungen, gefielen der Politik. 150.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche plus 25.000 Qua­dratmeter für Gewerbe sollten entstehen.

Schneller als bei Monopoly ändern sich die Eigentümer

Die Bauarbeiten, so hieß es damals, sollten 2019 beginnen, die ersten Gebäude 2021 bezugsfähig sein. Versprochen wurde das Blaue vom Himmel. Doch schon ein halbes Jahr später gehörte das Grundstück jemand anderem: Die Verantwortung für die Entwicklung des Geländes wanderte zur SSN Group AG in der Schweiz. Die plante fortan mit 185.000 Quadratmetern, plötzlich war nur noch von 3500 neuen Bewohnern die Rede – und von einer Fertigstellung 2024. Wieder ein gutes Jahr später ging mit der Übernahme der SSN das Holsten-Quartier an die Consus AG.

Und damit nicht genug: Nach deren Übernahme dürfte das Holsten-Areal bald der börsennotierten Immobiliengesellschaft ADO Properties mit Sitz im finanzparadiesischen Luxemburg gehören. Schneller als bei Monopoly ändern sich die Eigentümer. Mit jedem Besitzerwechsel verändern sich die Ansprechpartner, die Projektbeteiligten und die Renditeziele. Der Wert das Filetgrundstücks soll seit dem Verkauf durch Holsten von rund 150 Millionen Euro auf rund 320 Millionen Euro gestiegen sein.

Politik erhöht den Druck

Das ist schön für die beteiligten Spekulanten, unschön ist es für die Stadt und die Menschen, die Wohnraum suchen. Mit jedem Deal steigen die Preise - entweder werden Wohnungen verkleinert, teurer verkauft, oder der Investor verlangt zusätzliche Baumasse, um seinen Kaufpreis für das Grundstück zu refinanzieren. Eine Stadtentwicklung nach Monopoly-Art aber ist das Ende von Stadtentwicklung. Besonders bitter ist, dass seit drei Jahren das Ergebnis eines städtebaulichen Wettbewerbs vorliegt. Passiert ist nichts. Schlimmer noch: Der Fall Hamburg ist kein Einzelfall – vergleichbare Zockereien von Consus & Co. gibt es auch in Leipzig und Düsseldorf.

Die Politik erhöht nun zu Recht den Druck auf den „Investor“. Aber das dürfte nicht reichen – die steuerfreien Sharedeals, die Immobilienspekulanten geradezu zum Hin- und Herverkaufen ermuntern, gehören auf den Prüfstand. Bundesfinanzminister Olaf Scholz sollte sich an einen Juni-Abend im Jahr 2016 erinnern. Damals präsentierte die Gerchgroup in seinem Beisein im Hamburger Rathaus ihr Wolkenkuckucksheim. Das strahlt ab. Am Ende leidet auch die Glaubwürdigkeit der Politik unter Projektentwicklern, die nichts entwickeln wollen außer ihren eigenen Börsenwert.