Meinung
Leitartikel

Große Herausforderung, aber kein Weltuntergang

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Hysteriker und Panikmacher der Corona-Pandemie sind zurück. Das Land verfällt wieder in einen Karl-Lauterbach-Modus.

Hamburg. Der Juli 2020 war der erste Monat, der den Menschen das Gefühl schenkte, sie bekämen ihr altes Leben zurück, ein Stück Normalität nach den verstörenden Wochen der Corona-Pandemie, nach exponentiell steigenden Infektionszahlen und dem radikalen Herunterfahren des Landes. Nun, im August, sieht die Welt schon wieder anders aus. Die Hysteriker und Panikmacher sind zurück. Das Land verfällt wieder in einen Karl-Lauterbach-Modus: So, wie der SPD-Gesundheitspolitiker die seltene Gabe hat, stets das Allerschlimmste zu erwarten, betrachten viele Medien und Politik die aktuelle Situation. Aufgeregt geht es um die eingeschleppten Infektionen durch Urlaubsheimkehrer. Die Kanzlerin warnt vor einer bedrohlich steigenden Zahl der Infizierten und schlägt Alarm: Man müsse die Zügel anziehen, um bei Corona nicht in ein Desaster hineinzulaufen.

Ein Desaster? Blicken wir auf die Fakten. Als die Pandemie Deutschland im März erreichte, gab es ein erklärtes Ziel: Das Gesundheitssystem sollte vor dem Kollaps bewahrt, die Kurve der Neuinfektionen abgeflacht werden. Vor dem Hintergrund der damaligen Dramatik der Lage war der Lockdown die richtige Entscheidung – auch wenn schon vor dem Einfrieren des Landes sich die Kurve der Neuinfektionen deutlich abflachte und Deutschlands exzellentes Gesundheitssystem nicht einen Tag an seine Grenzen gestoßen ist.

Warum man jetzt, vor dem Hintergrund deutlich niedrigerer Zahlen und gelernter Hygieneregeln, Mut und Augenmaß verliert, erschließt sich kaum. Auch die absurde Debatte über die Urlaubsheimkehrer ist so verdruckst wie unscharf. Ständig geht es um deutsche Sauftouristen, die über die Stränge schlagen. Ja, die sind ein Problem. Doch woher kommen die meisten Infektionen? Aus Spanien waren es binnen vier Wochen 107 Infektionen, aus dem Kosovo 1096. Nun gilt das Kosovo weder als Ischgl des Balkans noch als Partyrevier – offenbar gibt es noch andere Infektionshintergründe. Auf Platz zwei folgt die Türkei, dann Kroatien, dann Serbien, Bulgarien und Bosnien-Herzegowina. Hilfreicher, als den Urlaub europaweit auszubremsen, wäre vielleicht, genauer hinzuschauen, wer sich wo infiziert – und warum. Auf jeden Fall steht zu hoffen, dass nach dieser Sommersaison die Zahl der importierten Fälle zurückgeht.

Wer ständig warnt, wird irgendwann ignoriert

Noch ein Argument spricht dafür, dass sich Medien und Politik mäßigen sollten. Wer ständig warnt, wird irgendwann ignoriert; wer ständig die Katastrophe an die Wand malt, wird nicht mehr ernst genommen. Es ist ja menschlich verständlich, warum Söder & Co. den Krisenmodus verlängern wollen – in der Pandemie stiegen nicht nur die Umfragewerte auf Rekordwerte, es wuchsen auch die politischen Gestaltungsmöglichkeiten ins Unermessliche. Retten ist politisch attraktiver als sparen.

Aber das Land darf sich nicht in eine Weltuntergangsstimmung hineinsteigern. Wir haben noch andere Probleme, etwa den Klimawandel. Wichtiger als Debatten, wer die Tests für Urlaubsheimkehrer bezahlt, ist die Diskussion, wer am Ende die Billionenkosten der Corona-Krise tragen soll. Und noch entscheidender: Wie will Europa, dieser darniederliegende Kontinent, wieder auf die Beine kommen? Der bitter nötige Aufschwung verlangt Mut, Kapital und gute Ideen. Einem Land, das gelähmt auf Infektionszahlen und R-Werte blickt, wird garantiert kein Aufschwung gelingen.

Und so sollten wir doch noch mal nach Schweden schauen: Die Skandinavier setzten seit Ausbruch der Pandemie auf Eigenverantwortung, nicht auf einen Lockdown. Die wirtschaftliche Lage und Stimmung sind im Norden besser als hierzulande – und die Neuinfektionen inzwischen deutlich rückläufig.