Meinung
Leitartikel

Hamburger Hafen in Corona-Zeiten ohne Lobby

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

Foto: Reto Klar

Branche leidet nicht nur unter der Pandemie. Von einer Einheit zwischen Senat und Hafenwirtschaft ist nur wenig zu spüren.

Hamburg. Im Hamburger Hafen stehen die Zeichen auf Sturm: Die Corona-Pandemie trifft die Branche härter als jede Krise seit Jahrzehnten. Rund 80 Prozent der Unternehmen rechnen im laufenden Jahr mit einem Umsatzrückgang, teilweise um mehr als die Hälfte. Hiobsbotschaften, wohin man hört. Die mehrheitlich im Besitz der Stadt befindliche HHLA musste gerade kräftige Einbrüche beim Umschlag vermelden, Eurogate hat ein dramatisches Sparprogramm angekündigt. Beide Unternehmen verhandeln seit Wochen über eine engere Zusammenarbeit – untrüglicher Beweis, wie sich die Ertragslage im Hafen verschlechtert hat. Die Börsenkurse der HHLA und von Eurokai haben sich seit ihren Höchstständen 2007 mehr als gedrittelt. Die Lage ist dramatisch.

Und anders als früher ist von einer Einheit zwischen Senat und Hafenwirtschaft nur noch wenig zu spüren – schlimmer noch: Das Verhältnis ist so schlecht wie nie zuvor. Der Hafen leidet nicht nur unter Corona, er leidet unter Liebesentzug. Natürlich ist es richtig, dass sich die Hansestadt für die Zukunft breiter aufstellt und nach einem Plan B neben dem Hafen sucht – das heißt aber nicht, den Hafen ohne Not weiter zu schwächen. Ganz im Gegenteil: Der Hafen mit seiner identitätsstiftenden Kraft und seinen großen Flächen muss Teil jeder Zukunftsstrategie sein.

Der Konflikt zwischen der Hafenwirtschaft und der HPA zeigt das zerrüttete Verhältnis: Viele Unternehmen klagen, die wichtige Behörde führe längst ein Eigenleben und werde nicht richtig gesteuert. Nun sind Interessenkonflikte nicht ungewöhnlich – dabei geht es um wirtschaftliche Interessen wie Mieten und Pachten, aber auch die Arbeiten an der Fahrrinne, wie das Ausbaggern von Elbe und Nebenflüssen. Der aktuelle Konflikt jedoch zehrt längst an der Substanz­ einer vertrauensvollen Zusammenarbeit, die ohnehin durch persönliche Animositäten belastet ist.

Der Hamburger Hafen büßt an Wettbewerbsfähigkeit ein

Der Senat reagierte auf die Kritik – aber anders als erwartet. Die Grünen, die in ihrem Erbgut hafenkritisch sind, sind erstarkt, der Einfluss der Gewerkschaften und der hafennahen Sozialdemokratie ist gesunken. Statt den umstrittenen HPA-Vorstandschef Jens Meier zu ersetzen, gab der parteilose Wirtschaftssenator Michael Westhagemann dem technischen Vorstand der HPA, Matthias Grabe, den Laufpass. Dieser bestätigte dann die Klagen aller Kritiker, indem er als Erster aus der HPA-Führung Probleme eingestand: marode Kaimauern und Brücken, Missmanagement bei Flächen, das Schlickproblem. Geradezu bizarr: Die Hamburger Werft Pella Sietas kann seit neun Monaten ein für die Bundesbehörden fertig gebautes Baggerschiff nicht ausliefern, weil die HPA das Este-Stauwerk nicht vom Schlick frei hält.

18 Jahre währt inzwischen die Fahrrinnenanpassung, der Hamburger Hafen büßt an Wettbewerbsfähigkeit ein: Rotterdam und Antwerpen haben ihre Anbindungen ins Hinterland zum schnellen Weitertransport der Ladung ausgebaut und die Produktivität verbessert.

HHLA-Chefin Angela Titzrath nannte den Hafen gestern „systemrelevant“. Das mag derzeit fast jede Branche tun, der Hafen aber hat seine Systemrelevanz qua Landesverfassung schwarz auf weiß: „Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ihr durch Geschichte und Lage zugewiesene, besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen“, heißt es da. Es ist überfällig, dass man sich im Rathaus darauf besinnt. Sonst droht dem Hafen in einer Gemengelage von Corona, HPA-Missmanagement und politischer Vernachlässigung der perfekte Sturm.