Meinung
Leitartikel

Nur mit Scholz kann die SPD den nächsten Kanzler stellen

| Lesedauer: 4 Minuten
Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Chancen sind da. In der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg kann Olaf Scholz zeigen, was er kann.

Hamburg. „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es nicht das Ende.“ Es ist umstritten, von wem dieses Zitat ursprünglich stammt, aber es ist unumstritten, auf wen es im August 2020 am besten passt: Die Sätze sind wie gemacht für Olaf Scholz, der vor wenigen Monaten, nach seiner gescheiterten Kandidatur um den Vorsitz der SPD, wie der große Verlierer unter Deutschlands Spitzenpolitikern aussah – und jetzt der erste Kanzlerkandidat ist, der für die Bundestagswahl im Herbst 2021 feststeht.

Wer hat an diese Auferstehung geglaubt, nachdem Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans im Mitgliederentscheid die SPD-Spitze dem favorisierten Scholz und seiner Mitbewerberin Klara Geywitz weggeschnappt haben? Wahrscheinlich nur Olaf Scholz und seine Getreuen selbst, die die erstaunliche Gabe haben, sogar nach schwersten Rückschlägen (auch der G-20-Gipfel in Hamburg war für den damaligen Bürgermeister so einer) daran zu glauben, dass es irgendwie wieder aufwärtsgeht, und deshalb weitermachen, als wäre nichts gewesen. Andere Politiker hätten sich nach der Niederlage im November aus der Politik zurückgezogen. Scholz blieb Bundesfinanzminister, hielt an seiner restriktiven Ausgabenpolitik fest – und konnte glänzen, als es mit Beginn der Corona-Pandemie darum ging, mit staatlichen Geldern die Wirtschaft in Deutschland am Leben zu erhalten.

Wähler wollen in schwierigen Zeiten starke Führungspersönlichkeiten

In der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg kann Olaf Scholz zeigen, was er kann, solche Lagen sind wie gemacht für ihn. Er selbst hat einmal gesagt, dass Wähler in schwierigen Zeiten starke Führungspersönlichkeiten wollen, die wissen, was sie tun – und damit so Typen wie sich und Angela Merkel gemeint. Jetzt, wo diese Zeiten da sind, wo es auf schnelle und kluge Entscheidungen ankommt, ist auch Scholz wieder da.

Kein SPD-Politiker ist auch nur annähernd so beliebt wie er, seine Kompetenzwerte sind in der Nähe von jenen der Bundeskanzlerin. Aber die steht ja, wie wir alle wissen, im nächsten Jahr nicht mehr zur Wahl. Was, so das Kalkül des Teams von Scholz, dessen große Chance sein könnte. Die Hoffnung: All die, die weiter gern jemanden wie Merkel im Kanzleramt hätten, wählen den Mann, der ihr im Politikstil von allen am ähnlichsten ist – Olaf Scholz.

Die Überraschung ist, dass das jetzt offensichtlich auch die linke SPD-Spitze so sieht: Scholz frühzeitig zum Kanzlerkandidaten zu machen ist für sie ein großer Schritt – und der einzig richtige. Scholz weiß, wie man Wahlkampf macht. Scholz kann zumindest jene Wähler für die SPD zurückgewinnen, die eher in der Mitte als im linken politischen Spektrum stehen – und genau die wird man brauchen, um schnell wieder in den Bereich zwischen 20 und 30 Prozent zu kommen.

Was bedeutet das Ausscheiden von Angela Merkel für CDU und CSU?

Gelingt das, wäre mit Grünen und Linken eine Alternative zu einer CDU-geführten Regierung möglich. Im Moment klingt das angesichts der aktuellen Umfragewerte für SPD und Union noch unvorstellbar. Doch: Niemand weiß, was das Ausscheiden von Angela Merkel für CDU und CSU bedeutet. Und niemand weiß, wer Kanzlerkandidat der Union wird. Vor Armin Laschet, Friedrich Merz oder Norbert Röttgen muss Olaf Scholz keine Angst haben – schwerer würde es wohl gegen den populären bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder.

Der hat inzwischen etwas gelernt, was Scholz nach wie vor fehlt: Söder ist nahbarer, zugänglicher geworden und strahlt eine Leidenschaft aus für das, was er tut. Olaf Scholz hat diese Leidenschaft auch, man merkt sie ihm nur selten an … Aber vielleicht kommt das ja jetzt. Klar ist: Wer heute glaubt, dass Scholz keine Chance habe, sollte ein paar Monate zurückdenken. Und noch einmal die ersten beiden Sätze dieses Leitartikels lesen.

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