Meinung
Deutschstunde

Wenn ein Beisatz dem Kasus untreu wird

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Es geht um die Apposition, die dem Satz zur näheren Erklärung beigefügt ist. Sie verlangt Treue, nämlich Kasustreue.

Uli Hoeneß kann es auch im Ruhestand nicht lassen, seine berühmt-berüchtigten Attacken zu reiten. Er hat in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Transferpolitik von Borussia Dortmund kritisiert, obwohl ihn das Geschäftsgebaren eines Konkurrenzvereins eigentlich nichts angeht.

Wer ist Uli Hoeneß? Wenn es wirklich ein, zwei Leser geben sollte, die sich bei dieser Nachricht nicht gleich voller Entsetzen, Häme oder Schadenfreude die Hände reiben, können wir den Satz auch anders formulieren: Der Ehren­präsident des FC Bayern München hat sich wieder eingemischt.

Nun mag immer noch ein Zeitgenosse herumlaufen, der von Fußball partout nichts wissen will. Dem müssen wir unsere Mitteilung so aufzwingen, dass er nicht mehr in die vorgetäuschte Unwissenheit entfliehen kann. Dazu überlagern wir unsere beiden Sätze, sodass die eine Bezeichnung die andere näher erklärt. Jetzt heißt es: Uli Hoeneß, der Ehrenpräsident des FC Bayern München, hat vom Leder gezogen. Wir können den Bezug auch umdrehen: Der Ehrenpräsident des FC Bayern, der 68 Jahre alte Uli Hoeneß, hat wieder einmal ausgeteilt. Dem Bezugsausdruck ist zur Erläuterung eine nähere Erklärung „bei“gegeben. Wir sprechen von einem Beisatz oder fachsprachlich von einer Apposition. Die Definition lautet: Unter Apposition versteht man ein substantivisches Attribut, das mit seinem Bezugsausdruck in der Regel in Hinsicht auf Genus (Geschlecht), Numerus (Zahlform) und Kasus (Fall) kongruiert (übereinstimmt).

Einer der häufigsten Fehler, die selbst in anspruchsvollen Publikationen und Sendungen zu lesen und zu hören sind, ist die Verletzung der Kasustreue. Eine Apposition steht im gleichen Fall wie der Bezugsausdruck. Beispiel: Uli Hoeneß, „der“ (?) Ehrenpräsident des FC Bayern München, droht Ärger. Das ist falsch. Unser Uli ist gerade vom Nominativ in den Dativ gefallen. Wem droht Ärger?, fragen wir – „dem“ Ehrenpräsidenten (Dativ) natürlich. Konrad Adenauer, „der“ erste Kanzler der Bundesrepublik, wurde 91 Jahre alt (Nominativ). Aber: Konrad Adenauer, „dem“ ersten Kanzler der Bundesrepublik, war ein langes Leben beschieden (Dativ).

Diese Regel sollten Sie beachten, und dennoch: Die deutsche Sprache ist filigran und kennt viele Ausnahmen, auch bei den Kongruenzregeln für die Apposition. Das kann den Numerus betreffen: Den Franzosen (Plural), der großen Nation (Singular), verdanken wir bedeutende literarische Werke. Oder umgekehrt: Die moderne Literatur, besonders die Formen der Poesie, sind (statt: ist) schwerer zugänglich. Zahlreicher sind die Kasusabweichungen. Die nachgetragene Apposition steht häufig im Nominativ, wenn sie ohne Artikelwort angeschlossen wird: das Wirken Willy Brandts, Vorkämpfer (nicht: Vorkämpfers) für die Ostverträge. Setzen wir aber ein Artikelwort hinzu, müssen wir den gleichen Kasus wie im Bezugsausdruck wählen: das Wirken Willy Brandts, „des“ mutigen Vorkämpfers für die Aussöhnung mit dem Osten.

Wir dürfen eine Apposition nicht mit einer Parenthese, einem erklärenden Zusatz außerhalb des eigentlichen Satzverbandes, verwechseln. Eine Parenthese steht in Gedankenstrichen (beim Tippen: Zwischenraum, langer Strich, Zwischenraum) oder in Klammern und meist im Nominativ: Mit diesem Buch – „ihr“ bestes Werk – hatte sie den größten Erfolg. Jedoch als Apposition: Mit diesem Buch, „ihrem“ besten Werk, hatte sie den größten Erfolg. Aufpassen sollte man, um durch einen falschen Kasus nicht den Sinn zu verfälschen: die Berufung von Dr. Müller „als leitendem Arzt“ in den Personalrat (Dr. Müller ist bereits leitender Arzt und wird in den Personalrat berufen); aber: die Berufung von Dr. Müller „als leitender Arzt“ (er wird durch die Berufung leitender Arzt).

Früher sagten wir: Eine Apposition steht in Kommas – vor der Apposition ein Komma, nach der Apposition ein Komma. Heute muss die Apposition kein schließendes Komma mehr haben. Sie sollten solche Kommas, die den Satz eindeutig­ gliedern und leichter lesbar machen­, allerdings unbedingt setzen, damit die Leser nicht über die Apposition hinausschießen­ und sich danach Wort für Wort zurückhangeln müssen.

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