Meinung
Kommentar

Lehrstellen: Die Lage ist ernster als die Stimmung

Der Autor ist für das Wirtschaftsressort beim Abendblatt tätig.

Der Autor ist für das Wirtschaftsressort beim Abendblatt tätig.

Foto: Andreas Laible / HA

Corona als Begründung ist zu wenig: Die Funktionäre vernebeln wortreich das Ausmaß der Lehrstellenkrise.

Es mutet – gelinde gesagt – etwas seltsam an, wie führende Vertreter der Hamburger Wirtschaft und der Arbeitsverwaltung sich in diesen Tagen zur aktuellen Situation auf dem Ausbildungsmarkt in der Stadt äußern. Die Jugendlichen seien wegen Corona wohl verunsichert und könnten sich nicht entscheiden, welchen Berufsweg sie einschlagen sollten, heißt es. Der Bewerbungs- und Auswahlprozess sei wegen der Pandemie erheblich erschwert, sodass die Unternehmen ihre freien Lehrstellen leider nicht hätten besetzen können, wird angeführt.

Und man wird nicht müde zu betonen, dass es ja mehr freie Lehrstellen in der Stadt gebe als junge Menschen, die nach einer suchen. Vieles davon ist richtig, klingt aber stark nach Beschwichtigung.

Hamburgs Lehrstellenmarkt 2020: Wird das Problem vernebelt?

Dabei gibt es zwei Zahlen, die belegen, dass es auf Hamburgs Lehrstellenmarkt 2020 eben nicht allein ein Vermittlungsproblem gibt. Sie lauten: 1429 und minus 13,6. Die erste besagt, wie viele freie Ausbildungsplätze weniger Hamburger Firmen der Agentur für 2020 gemeldet haben, die zweite drückt diese Entwicklung in Prozent aus.

Ja, die Ursache dafür ist wohl allein die Corona-Pandemie, und es wäre falsch, nun Schuldzuweisungen vorzunehmen. Es ist ja sehr gut nachvollziehbar, dass kleine Veranstaltungsagenturen oder Messebaufirmen, die seit Monaten keine Aufträge bekommen und auf Monate keine Perspektive auf eine Besserung ihrer prekären Lage sehen, keinen Auszubildenden einstellen. Man kann sogar sagen, dass sie damit sehr verantwortungsvoll gegenüber den jungen Leuten handeln.

Umso erstaunlicher ist, dass es den Funktionären vornehmlich darum zu tun ist, das Ausmaß des Problems wortreich zu vernebeln. Wahrscheinlich, weil sie sonst zugeben müssten, dass auch sie keine Lösungsideen haben.