Meinung
Leitartikel

Gütersloh ist nicht überall

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Neuer Corona-Ausbruch erfordert ein neuerliches Herunterfahren – aber nur regional.

Hamburg. Für die Bewohner des Kreises Gütersloh wird ein Albtraum wahr: Noch vor wenigen Tagen hatten die Menschen dort wie überall in der Republik auf weitere Lockerungen gehofft – nun haben die Behörden neue Maßnahmen verfügt, die an die Beschränkungen vom März erinnern. Die Ursache ist der Corona-Massenausbruch in Schlachtbetrieben. Von 6140 Mitarbeitern bei Tönnies sind bisher 1553 positiv getestet worden – damit ist fast jeder vierte Corona-Fall in Deutschland ein Tönnies-Fall. Bitter für die Menschen im Kreis Gütersloh: Die Ausgangsbeschränkungen kommen, obwohl außerhalb der Fleischindustrie nur 24 Infiziere gezählt wurden. Nun zahlen die Bürger einen hohen Preis für die Fleischindustrie, von der sie jahrzehntelang gut gelebt haben. Wenn sich diese Branche nach Corona nicht ganz neu erfindet und menschliche Arbeitsbedingungen und das Tierwohl ins Zentrum rückt, wird sie nicht mehr lange existieren.

Gütersloh zeigt aber noch mehr: Corona ist noch lange nicht besiegt – es kann immer wieder und überall zu Infektionsherden kommen. Zugleich ist klar, dass die Politik anders als noch im März nicht mit dem ganz großen Besteck von Ausgangsbeschränkungen und dem Herunterfahren des Landes auf das Virus reagieren wird. Fortan werden Maßnahmen eher regional und nicht mehr national beschlossen werden.

Einen weiteren Stillstand will und wird sich Deutschland weder leisten können noch wollen. Der Stimmungswandel hat nicht nur mit der positiven Entwicklung bei den Infiziertenzahlen zu tun, sondern auch mit den Folgen des Stillstandes: Quer durch alle Schichten und Berufe sind viele nicht mehr gewillt oder bereit, sich an die Regeln zu halten. Und immer mehr Menschen dämmert, dass wir eine Schlacht gegen das Virus gewonnen, aber die Wirtschaft und damit wir alle Billionen Euro verloren haben. Diese Wahrnehmungsverschiebung hat gerade erst eingesetzt. Mit jeder weiteren Woche verblassen die Erfolge (die niedrigen Infizierten- und Todeszahlen), mit jeder weiteren Woche werden die Kollateralschäden sichtbarer und wachsen die Sorgen vor dem Morgen. Der Sachverständigenrat hat seine Prognose für das Wirtschaftswachstum nun noch einmal nach unten korrigiert – auf minus 6,5 Prozent. Die kritischen Fragen häufen sich: Fragen nach Bildungsverlusten, Suiziden, familiärer Gewalt, Firmenzusammenbrüchen, wachsender Armut und Milliardenschulden. Corona und der Stillstand ziehen immer weitere Kreise – wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Sie erreichen immer mehr Kreise, auch solche, die bislang den Lockdown als erholsame Auszeit vom Hamsterrad verstanden haben.

Sollte wirklich eine zweite Welle über das Land hereinbrechen, wird anders diskutiert werden – und ein neuer Stillstand scheint kaum mehrheitsfähig. Die Mannheimer Corona-Studie befragt jeden Tag Bürger nach ihren Einschätzungen: Während die Ängste zurückgehen, wachsen die Sorgen um die wirtschaftlichen Folgen, die Akzeptanz von Eindämmungsmaßnahmen sinkt. Sicherlich mag es bei einem Aufflammen wieder zu Verschärfungen kommen. Massenveranstaltungen, Partys, Diskotheken wird es als Erste erwischen. Aber das komplette Land im Lockdown erscheint unwahrscheinlich: Es würde die Probleme des ersten potenzieren und fände nicht mehr den nötigen Rückhalt, um ihn zu einem Erfolg zu machen. Zudem: Das Wissen um das Virus wächst von Tag zu Tag. Zukünftige Maßnahmen kämen passgenauer. Vielleicht wird sogar die schwedische Strategie – bis heute als Irrweg verspottet – dann zum Modell: Wie ein Land mit einem tödlichen Virus umgehen kann, ohne sich selbst zu lähmen.

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