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Schwarz, rot, braun: Alltäglicher Rassismus in Deutschland

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Heribert Prantl
Der Journalist Heribert Prantl.

Der Journalist Heribert Prantl.

Foto: dpa Picture-Alliance / Frank Rumpenhorst / picture alliance/dpa

Schwarz-Rot-Gold: Das ist die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Doch in das Gold mischen sich seit Jahren immer mehr braune Streifen.

Die deutschen Farben sind nicht einfach nur Farben. Wer die Symbolik liebt, der kann die Zeit von 1949 bis 1989/90, also den Weg der Bundesrepublik bis hin zur Wiedervereinigung, anhand von Schwarz, Rot und Gold beschreiben: Die Nachkriegsgeschichte beginnt mit dem Schwarz der CDU Konrad Adenauers und der Eingliederung Westdeutschlands ins westliche Bündnis. Es folgt das Rot der Brandt-SPD mit der neuen Ostpolitik. Dann kommt das Gold der Wiedervereinigung.

Schwarz-Rot-Gold: Das ist die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Doch in das Gold der Glückseligkeit von 1989/90 mischen sich seit Jahren immer mehr braune Streifen. Sie werden immer dicker und fetter. Das Gold wird braun. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat in der vergangenen Woche der Prozess um den Mord am nordhessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke begonnen.

Die Angeklagten haben den Ermittlungen nach aus rechtsextremistischen Motiven gehandelt. Wer liest, wie die beiden Angeklagten sozialisiert worden sind, wie sie sich mit Hetze gegen Flüchtlinge vollgepumpt haben – dem fällt der berühmte Satz von Bert Brecht ein, der dies beschreibt. Er lautet: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Aus dem Schoß, aus dem die Verbrechen des NS-Staates gekrochen sind, kriechen heute neuer Hass und neuer Mord. Das war schon die Erkenntnis aus dem NSU-Verfahren, das vor zwei Jahren zu Ende ging. Die Mörder vom Nationalsozialistischen Untergrund waren keine Einzeltäter, sie waren Teil eines braunen Netzwerks, sie gehörten zu einem giftigen Milieu, in dem sie sich aufgehoben fühlen konnten.

Wenn Volksverhetzung Volkssport wird, darf der Staat nicht einfach zuschauen

Das braune Netzwerk aber war und ist nicht angeklagt. Es ist das Netzwerk, zu dem wohl auch der oder die Mörder des Regierungspräsidenten Lübcke gehören. Ein gewaltbereiter und gewalttätiger Rassismus hätte frühzeitig stigmatisiert werden müssen. Es wäre gut gewesen, wenn das Verfassungsgericht das schon 2003 getan hätte. Damals lief das erste von zwei erfolglosen Verbotsverfahren gegen die NPD. Der Staat hat dem neonazistischen Treiben so lange zugeschaut, bis sich der Neonazismus mit dem aggressiven Rechtspopulismus vermischt hat.

Volksverhetzende Pegida-Parolen konnten jahrelang folgenlos gebrüllt werden. Die wehrhafte Demokratie wehrte und wehrt sich zu wenig; sie schläft zu viel und hält das Schnarchen für Aktivität. Sie tut so, als wäre Meinungsfreiheit auch die Freiheit zur Gewaltvorbereitung. Aber: Den Gehässigkeiten darf man in einem demokratischen Rechtsstaat nicht nachgeben. Pöbler dürfen nicht den Eindruck haben, sie müssten nur lange genug pöbeln, bis ihnen die Politik um den Bart geht. Nein, Schmähungen gehören nicht zur Meinungsfreiheit.

Ja, das Wort „Volksverräter“ ist ein hetzendes und strafbares Wort. Nein, es stimmt nicht, dass gegen die Verrohung kein Kraut gewachsen ist. Ja, die Polizei kann die Personalien der Pöbler feststellen. Ja, die Staatsanwaltschaft kann Verfahren gegen sie einleiten. Die einschlägigen Paragrafen heißen: Beleidigung, üble Nachrede, Verunglimpfung des Staates, Volksverhetzung. Es ist ungut, wenn die Polizei unterstellt, dass ja „eh nichts herauskommt“. Auch deshalb ist es zur Veralltäglichung der Unverschämtheiten gekommen, ist das Internet partiell eine braune Kloake geworden. Wenn Volksverhetzung Volkssport wird, darf der Staat nicht einfach zuschauen. Endlich hat der Bundestag ein Gesetz gegen Hass und Hetze im Netz beschlossen.

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