Meinung
Leitartikel

Hamburgensien in Gefahr

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Reto Klar

Michel, Museen, Musicals – die Krise knabbert an der Substanz der Stadt.

Es gibt viele überflüssige Anglizismen: „Overtourism“ gehört dazu, ein Begriff, der ein Übermaß an Fremdenverkehr und Touristen in einer Region beschreibt. Noch vor wenigen Wochen schallte auch in Hamburg die Klage durch die Stadt: Es sind zu viele Kreuzfahrttouristen, zu viele Besucher, zu viele Menschen, zu viel Verkehr. Inzwischen beginnen viele zu ahnen – das waren die guten alten Zeiten. „Overtourism“ droht nach dem Einbruch der Reisetätigkeit derzeit jedenfalls nirgendwo.

Hamburgensien leben vom Femdenverkehr

Und nun wird deutlich, wie viele lieb gewonnene und wichtige Orte und Institutionen vom Fremdenverkehr leben. Die sogenannten Hamburgensien, auf die die Stadt so stolz ist, können von den Hamburgern allein nicht leben. Der Fischmarkt, der seit 1703 alle Krisen und Kriege überlebt hat, ist in ernster Gefahr – das bisherige Konzept einer Mischung aus Frühschoppen und Frischfisch, Obstler und Obst, Partymeile und Wochenmarkt lässt sich in Zeiten von Corona nur schwer weiterführen.

Der Michell ruft nach Hilfe

Nun ruft Hamburgs Wahrzeichen, der Michel, nach Hilfe – auch ihm brechen die Einnahmen weg, den Kirchen insgesamt geht es kaum besser. Was aus dem Dom wird, steht in den Sternen; Theater und Musicals darben, und die Clubs und Diskotheken stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Viele, die sich bislang noch nicht um die Soforthilfen beworben haben, trifft die Krise deshalb nicht weniger – sie haben nur etwas mehr Kapital, das mit jedem weiteren Tag der Krise aufgezehrt wird. Restaurants und Gaststätten, Orte, die eine Stadt lebendig und lebenswert machen, ächzen unter massiven Einbußen.

„Corona ist einfach scheiße"

Die gut gemeinten Öffnungen unter Hygienebedingungen verlängern das Sterben, aber bringen das Leben nicht zurück. Wenn ein Theater statt 533 Plätzen noch 110 oder 160 besetzen kann, mag das kulturell ein Anfang sein – betriebswirtschaftlich ist es eher das Ende. St.-Pauli-Theater-Intendant Uli Waller bringt es auf den Punkt: „Corona ist einfach scheiße – das kann man auch nicht schönreden.“

Das gilt auch für die wirtschaftlichen Folgen: Michel, Musicals und Märkte sind nicht nur Teil der Hamburger Seele, sondern ein Wirtschaftsfaktor: Er erbringt in Hamburg eine Wertschöpfung in Höhe von 3,1 Milliarden Euro; knapp 73.000 Menschen – immerhin jeder 13. Beschäftigte in Hamburg – arbeiten in diesem Bereich. Hotels klagen über Auslastungen, die derzeit bei nur noch 20 Prozent liegen: Waren es 2018 noch 14,5 Millionen Übernachtungen, könnte sich diese Zahl halbieren. Und mit jedem Tag, den die Corona-Krise länger währt, rückt das große Sterben näher.

Konzept für Freiluftveranstaltungen benötigt

Die Stadt hilft, wo sie kann, und rettet wichtige Institutionen – doch mit Bürgschaften, Krediten und Soforthilfen lassen sich krisenhafte Wochen überwinden, keine Monate oder gar Jahre. Es bedarf darüber hinaus eines Konzeptes, das alle Möglichkeiten von Freiluftveranstaltungen ausreizt.

Warum lockt Hamburg nicht Reisende mit einem Sommer der Draußen-Kultur? Die ganze Stadt kann die Tische herausstellen, die Ämter müssen maximal großzügig sein. Jeder Hamburger ist jetzt gefragt, das großartige Angebot von Restaurants und Kultur für sich zu nutzen – gehen wir auf den Michel, ins Miniaturwunderland, ins Museum! Vielleicht kann sogar ein städtischer Kultur- und Genussgutschein für jeden Hamburger eine unbürokratische Idee sein.

Schließlich müssen wir unsere Null-Risiko-Strategie überdenken und zu einer Strategie des geringen Risikos kommen: Schon vor Corona war Leben, wie Erich Kästner wusste, „lebensgefährlich“. Und was nützen die vielen kleinen Siege über das Virus, wenn wir am Ende die Stadt, die wir lieben, verlieren?

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