Meinung
Leitartikel

Corona-Pandemie: Komme, was da wolle ...

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Haider
Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Der Autor ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible

… diesmal sind wir vorbereitet. Warum die vergangenen Corona-Wochen Mut machen.

Hamburg. Der 4. Mai ist ein wichtiges Datum in der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie. Heute vor zwei Wochen traten in Hamburg die ersten Lockerungsmaßnahmen in Kraft, und niemand konnte damals wissen, was das mit der Zahl der Neuinfektionen machen würde.

Die gute Nachricht: Obwohl in den Geschäften und auf den Straßen der Stadt, in Bussen und Bahnen wieder mehr los ist, haben sich die Parameter, nach denen der Hamburger Senat uns Bürger durch die Krise steuert, erfreulich entwickelt. Auch, wenn man kaum glauben kann, dass am Sonntag nur drei (!) Neuinfektionen gemeldet wurden – die Richtung stimmt und sollte Mut machen, den vor 14 Tagen begonnenen Kurs fortzusetzen.

Verfassungsgerichtshof: Maßnahmen nicht verhältnismäßig

Das Wort, das zu diesem Zeitpunkt die Debatten über die richtige Strategie gegen das Virus prägt, heißt „Verhältnismäßigkeit“. Es sind nicht nur Oppositionspolitiker wie Christian Lindner von der FDP, die anzweifeln, dass der Verlauf der Infektionswelle in Deutschland die strengen Beschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten noch rechtfertigt; im Saarland hat sogar der Verfassungsgerichtshof entschieden, dass die dortigen Maßnahmen nicht (mehr) verhältnismäßig sind.

Und das lässt sich, wenn man auf ganz Deutschland blickt, nicht nur mit zurückgehenden Fallzahlen, einer Verdoppelungsrate jenseits der 60 Tage und einem niedrigeren Reproduktionsfaktor begründen. Mindestens genauso wichtig ist es, dass Bund und Länder, Städte und Gemeinden heute ganz anders aufgestellt sind, was die Herausforderungen einer Virusepidemie angeht.

Große Angst vor erster Infektionswelle

Als Anfang Januar aus China verstärkt Nachrichten über Corona zu uns nach Deutschland kamen, gab es zwar eine Bundestagsdrucksache aus dem Jahr 2012, die den späteren Verlauf der Krise ziemlich genau vorhersagte – nur darauf eingestellt hatte sich niemand. Deshalb war die Angst vor der ersten Infektionswelle auch so groß.

Es gab von allem zu wenig: Schutzkleidung, Masken, Erfahrung mit Epidemien beziehungsweise Pandemien, Beatmungsgeräte, Tests, Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern, und, und, und. Deutschland wirkte komplett unvorbereitet und entsprechend überfordert – und hat es trotzdem geschafft, den Beginn der Viruswelle viel, viel besser zu überstehen als die meisten anderen Länder der Welt.

Verhältnis zu Viruserkrankungen hat sich geändert

Das war, man muss es so sagen, eine gewaltige Leistung aller Beteiligten, von der Bundeskanzlerin bis zur Kassiererin im Supermarkt. Heute, nach insgesamt vier Monaten Erfahrung, ist das Verhältnis zum Coronavirus, zu Viruserkrankungen insgesamt ein völlig anderes. Deutschland hat in kürzester Zeit eine medizinische und logistische Infrastruktur aufgebaut, die angesichts möglicher weiterer Infektionswellen Mut machen sollte.

Von fast allem, von dem es eben noch zu wenig gab, gibt es jetzt genug, manchmal sogar zu viel. Ein Beispiel: Wenn man wie französische Wissenschaftler davon ausgeht, dass rund zwei Prozent aller Covid-19-Patienten zur Behandlung in ein Krankenhaus müssen, wäre Hamburg mit seinen zuletzt 4300 freien Betten auf rund 200.000 Infizierte eingestellt gewesen …

In Hamburg 7000 Test pro Tag möglich

Die Zahlen sind eindrucksvoll, und das gilt auch für die Testung: In Hamburg wären inzwischen 7000 Tests möglich, pro Tag wohlgemerkt. Kommt hinzu, dass die Ausstattung der Gesundheitsämter und ihre Bedeutung heute eine vollkommen andere als zu Beginn des Jahres ist. Und dass es allein in unserer Stadt mehrere Studien gibt, die sich mit dem Virus, mit Übertragungswegen und möglichen Medikamenten/Impfstoffen beschäftigen.

Dieses Hamburg ist nicht mehr das Hamburg, das wir vor wenigen Monaten kannten. Das klingt zunächst negativ, weil man an Kontaktsperren, an Gesichtsmasken und geschlossene Restaurants denkt. Es ist, was unsere Vorbereitung auf die aktuelle und mögliche weitere Infektionswellen angeht, ja, auch auf andere Viren in hoffentlich sehr, sehr ferner Zukunft, positiv gemeint. Komme, was da wolle: Diesmal sind wir wenigstens vernünftig vorbereitet.

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