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Corona-Wirrwarr: Was ist denn nun richtig?

Müssen demnächst auch Statuen – wie hier der "Große Schreitende" – Maske tragen?

Müssen demnächst auch Statuen – wie hier der "Große Schreitende" – Maske tragen?

Foto: Andreas Laible

Nach fast zwei Monaten im Ausnahmezustand wünscht sich Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider klare Ansagen statt Schlingerkurs.

Hamburg. Nach fast zwei Monaten Corona-Epidemie sehen wir jetzt tatsächlich ein exponentielles Wachstum – und zwar bei der Verwirrung in der Bevölkerung. Man weiß nicht mehr so recht, was und wem man glauben soll, an welchen Zahlen und Werten man sich orientieren kann. Und man kommt sich vor wie der kleine Junge, der seinen Vater fragt, ob er am Abend das Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft im Fernsehen sehen darf. Kennen Sie die Geschichte? Sie geht so:

Der Sohn: „Papa, darf ich heute Deutschland gegen Holland gucken?“
Der Vater: „Aber nur, wenn du deine Mathe-Hausaufgaben gemacht hast.“
Der Sohn, etwas später: „Fertig. Darf ich jetzt…?“
Der Vater: „Erstmal musst du noch dein Zimmer aufräumen.“
Der Sohn, wieder später: „Fertig. Darf ich…?“
Der Vater: „Wolltest du nicht auch noch die Spülmaschine ausräumen?“
Der Sohn, erneut später: „Fertig. Darf…?“
Der Vater: „Ich habe ganz vergessen, dass du unbedingt für den Vokabeltest lernen musst.“
Der Sohn, frustriert: „Aber ich…“
Der Vater: „Wenn du das geschafft hast, können wir über Fußball reden.“
Als der Sohn deutlich später zurück ins Wohnzimmer kommt, ist das Spiel zu Ende.

Welche Voraussetzungen zählen denn nun?

Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? So ähnlich wie dem Sohn ist es den Menschen in Deutschland in der noch laufenden Geschichte der Corona-Epidemie gegangen. Wie der Vater seinem Kind haben die Politiker ihren Bürgern gesagt, was sie zu tun haben, um das Virus aufzuhalten, und an welchen Parametern sich ein Erfolg ablesen ließe. Zunächst hieß es, dass man unbedingt und schnell die Neuinfektionen senken müsse, Stichwort: „Kurve abflachen“.

Die Zahlen zur Pandemie auf einen Blick

Wenig später sprachen dann alle, die Bundeskanzlerin voran, über die Verdoppelungszeit, die entscheidend sei: sie müsse bei zehn besser bei 14 Tagen liegen, bevor man über Lockerungen der strengen Maßnahmen gegen Corona nachdenken könne. Heute liegt sie übrigens bei mehr als 60 Tagen, was aber anscheinend niemanden mehr interessiert.

Das Gesundheitssystem auf einmal unterfordert

Denn zwischenzeitlich war die Verdoppelungszeit als entscheidendes Steuerungsinstrument in der Krise von der Kapazität der Kliniken abgelöst worden. Die Krankenhäuser, so das Mantra, dürften auf keinen Fall an die Grenzen ihre Belastungen kommen. Deshalb wurden deutschlandweit zehntausende Betten frei geräumt, Operationen und Behandlungen verschoben, Atmungsgeräte angeschafft, die im internationalen Vergleich herausragende Zahl an Intensivbetten deutlich erhöht.

Die Folge: Allein in Hamburg standen in der vergangenen Woche 4300 Betten für Corona-Patienten zur Verfügung, behandelt werden mussten weniger als 180. Bisheriger Höchstwert in der Krise: 311. Und auf einmal ist hier wie anderswo nicht die große Gefahr, dass das Gesundheitssystem über-, sondern dass es unterfordert wird.

Nur noch echte Notfälle in der Notaufnahme

In Hamburgs Kliniken sind nur noch 50 bis 60 Prozent der Betten belegt, Pflegepersonal und Ärzte haben jenseits von Corona wenig bis nichts zu tun und bummeln Überstunden oder freie Tage ab, einige Kliniken und niedergelassene Ärzte meldeten sogar Kurzarbeit an. Die Zahl der Patienten in den Notfallambulanzen sank auf einen nicht mehr für möglich gehaltenen Wert, oder, um es mit Prof. Dr. Philippe Stock vom Altonaer Kinderkrankenhaus zu sagen: „Wir sehen auf einmal wirklich nur noch Notfälle.“

Wer früher ins AKK kam, musste mit Wartezeiten von drei bis fünf Stunden rechnen. Heute kommt er sofort dran. Und viele Mediziner in Hamburg fragen sich: Wo sind all die Patienten, die an anderen, zum Teil schwerwiegenden Krankheiten leiden? Riskieren sie aus Angst, sich mit Corona anstecken, erst Recht ihre Gesundheit?

Ist der Reproduktionsfaktor nun das Maß aller Dinge?

Berechtigte Fragen, die in der Epidemie-Bekämpfung nicht im Zentrum stehen. Denn dort ist das neue Maß aller Dinge nun der sogenannte Reproduktionsfaktor, kurz R-Faktor: Er sagt, wie viele andere Menschen ein Infizierter ansteckt, und er sollte, so lernen wir, unbedingt unter eins liegen. Sonst sei an weitere Lockerungen nicht zu denken. Nun lag der R-Faktor in der jüngeren Vergangenheit meist unter eins, was angesichts sinkender Infektionen selbst für mathematische Laien nicht erstaunlich ist.

Erstaunlicher war da schon, dass das Robert-Koch-Institut in der vergangenen Woche trotz weniger Neuerkrankungen einen steigenden R-Faktor diagnostizierte, der nach dem Wechsel der Berechnungsmethode sofort wieder signifikant sank. "Das trägt nicht dazu bei, die täglichen Wasserstandsmeldungen des Instituts noch für seriös zu halten", sagte Wolfgang Kubicki, der stellvertretende Präsident des Deutschen Bundestags.

Hinzu komme, dass die vom Helmholtz-Zentrum und der TU Ilmenau ermittelten Werte von den Schätzungen des RKI abwichen. Und dass der Reproduktionsfaktor angesichts kleiner, lokal begrenzter Ausbrüche sehr schwankend sein kann: „Darauf würde ich nicht viel geben“, sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks. „Eben ist der Faktor noch bei 0,5, bald kann er bei 1,2 sein.“ Daran solle man sich nicht orientieren.

Wir wissen nicht, wie viele sich tatsächlich infiziert haben

Die Orientierung hat man als Bürger in der Krise längst verloren, vielleicht muss das sein, weil selbst Experten fast jeden Tag etwas Neues über das Virus lernen. Das Problem: Was gestern wichtig war, kann es schon morgen nicht mehr sein, und auf die unendlich vielen Zahlen, die veröffentlicht werden, kann man sich sowieso nicht verlassen. Wahrscheinlich sind in unserem Land und in der ganzen Welt noch nie so weitreichende Entscheidungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie auf einer derart schwachen Datenbasis getroffen worden.

Wir wissen nämlich gar nicht, wie viele Menschen sich in Hamburg, Deutschland und der Welt mit Corona infiziert haben. Das einzige, was wir wissen, ist die Zahl derjenigen, die jeden Tag positiv auf das Virus getestet worden sind. Dass das problematisch ist, zeigt eine einfaches Beispiel: Wenn in Hamburg heute nicht getestet werden würde, müsste die Gesundheitsbehörde morgen bekannt geben, dass es in der Stadt keine neuen Ansteckungen gegeben hat. Was natürlich Quatsch wäre.

Gibt es Immunitäten? Was ist mit den Kindern?

Niemand kann derzeit sagen, wie viele Menschen erkrankt sind, ohne es überhaupt gemerkt zu haben. Die sogenannte Dunkelziffer soll drei- bis zehnmal höher liegen als die Zahlen, die im Moment Richtschnur aller Maßnahmen und unseres Verhaltens sind. Kommt hinzu, dass durch die Dunkelziffer die Infektionssterblichkeitsrate viel höher wirkt, als sie tatsächlich ist. Nämlich nicht bei fünf, sechs oder gar mehr Prozent, sondern, immerhin darin sind sich die meisten Experten einig, bei 0,3 bis 0,7 Prozent.

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Und so geht es weiter mit einer extrem unklaren Faktenlage: Warum haben sich beispielsweise in chinesischen Haushalten, in denen ein Infizierter lebte, nur 15 Prozent der anderen Personen angesteckt, und nicht alle? Gibt es bei bestimmten Menschen eine Immunität gegen das Virus, und wenn ja: wie viele sind das? Was ist mit den Kindern, die sich wohl bei Erwachsenen anstecken, bei denen die Krankheit aber fast immer milde bis komplett symptomlos verläuft?

Im Altonaer Kinderkrankenhaus mussten während der gesamten Phase der Epidemie bisher nur drei (!) Kinder stationär aufgenommen werden, und das auch nur eine ganz kurze Zeit. Und: Kann es sein, darauf deuten mehrere Studien hin, dass Kinder anders als bei der Influenza das Virus nicht weitergeben, sondern am Ende der Infektionskette stehen? Man weiß es nicht, übrigens genauso wenig, wie man weiß, wann und ob es einen Impfstoff geben wird. Die Aussagen reichen von September diesen Jahres bis, ja, muss man es leider schreiben: nie.

Dänemark und Schweden statt Italien und die USA

Das ist der aktuelle Wissenstand zu Corona, diesem Virus, das Verwirrung in gigantischer Geschwindigkeit verbreitet, und dass dabei leider hin und wieder kräftige Unterstützung von Experten und Politikern erhält. Nehmen wir Lothar Wieler, den Chef des Robert-Koch-Instituts. Im Januar hat er Corona noch für eine mehr weniger lokale Angelegenheit Chinas gehalten, und sah darin kein Problem für den Rest der Welt. Als die Epidemie in Deutschland losging, sprach er von „10 Millionen Infizierten in den nächsten zwei, bis drei Monaten“.

Oder nehmen wir Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der vor Ostern von der „Ruhe vor dem Sturm“ redete, der, wir wissen es inzwischen, ausgeblieben ist – dabei hatten sich Hamburgs Krankenhäuser darauf wie „auf einen Krieg vorbereitet“. Überhaupt werden Politiker und Experten nicht müde, vor der nächsten Erkrankungswelle zu warnen, und dabei den Blick immer wieder nach China, Spanien, Italien und die USA zu lenken.

Solche Zustände wolle man in Deutschland nicht haben, heißt es dann, und selbstverständlich will das niemand. Aber warum gucken wir immer dorthin, wo es besonders schlimm, und nicht auf Länder, wo es besser gelaufen ist oder läuft: Österreich, Dänemark, Schweden, Island, Griechenland, Polen, Tschechien, um einige Beispiele zu nennen. Warum wird die Situation in Deutschland mit der in Spanien und Italien verglichen, obwohl inzwischen nahezu jeder weiß, dass beide Länder zusammen vielleicht auf ein Drittel der deutschen Intensivbettenkapazitäten kommen?

Maskenpflicht statt Abstand?

Das fragt man sich als zunehmend verunsicherter Bürger in diesen Zeiten, in denen es erst über Wochen heißt, dass man lieber keine Masken, schon gar keine selbstgenähten tragen, sondern lieber auf den Mindestabstand achten sollte. Und dann wird plötzlich eine Maskenpflicht (!) eingeführt, und so getan, als hätte man das schon viel, viel früher machen sollen.

Selbstverständlich finden sich sofort Experten die, wie etwa der Hamburger Weltärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery, das Tragen für Masken für Unsinn halten, weil die Menschen dann nicht mehr auf die Distanz zu anderen Menschen achten würden (was übrigens stimmt) und sich beim Abnehmen Viren erst Recht ins Gesicht reiben könnten.

Was für Wissenschaftler normal ist, ist für Laien irritierend

Es ist zum Verzweifeln, weil nahezu alles, was man gerade für richtig hielt, meist sofort wieder infrage gestellt wird, gern und oft auch von Virologen und Medizinern selbst. Weil das Virus neu und weitgehend unbekannt ist, ändern sich die Einschätzungen und Empfehlungen der Experten permanent, und sorgen nicht nur in der Bevölkerung für Verunsicherung.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel scheint zunehmend genervt, laut „Bild“-Zeitung hat sie am Donnerstag selbst Deutschlands bekanntesten Virologen Christian Drosten und sein ständiges Hin und Her kritisiert. Erst sei Drosten gegen die Schließung der deutschen Grenzen gewesen, dann dafür.

Zunächst sprach er sich dafür aus, die Schulen geöffnet zu lassen, wenig später war er vom Gegenteil überzeugt. Am Donnerstag stellte der Berliner Mediziner kurz vor dem Treffen von Merkel mit den Ministerpräsidenten, in dem es auch um Lockerungen in Schulen und Kitas gehen sollte, eine Studie zur Rolle von Kindern in der Epidemie via Podcast und Twitter vor. Die widersprach, zumindest auf den ersten Blick, anderen Studien, die es zum Thema gibt. Für Wissenschaftler ist das normal, wenn ein neues Virus entdeckt wird, für Politiker und Laien irritierend.

Wir brauchen Ansagen, auf die wir uns verlassen können

Trotzdem bestimmen die Virologen nach wie vor den Ton in der Debatte über Corona, etwa, wenn verschiedene Institutionen erklären, dass man aus epidemieologischer Sicht so weiter machen müsse wie bisher, um das Virus einzudämmen. Nur: es gibt eben nicht mehr nur eine epidemieologische Sicht auf das, was passiert, sondern auch eine wirtschaftliche, eine gesellschaftliche, eine soziale, usw..

Wer auf die Krise als Virologe blickt, sieht andere Dinge als ein Unternehmer, ein Vater oder eine Mutter, ein Schüler, ein Sportler, ein „normaler“ Arzt, ein Urlauber, usw. Während die Sorgen des einen kleiner werden, können die Sorgen des anderen wachsen. Das muss und das kann nur eine Politik ausgleichen, die die unterschiedliche Betroffenheit aller gesellschaftlicher Gruppen im Blick hat, insbesondere, wenn es um den Schutz der psychischen und physischen Unversehrtheit geht.

Dabei helfen ein klarer Kurs, mehrstufige Pläne, bei denen man im Zweifel auch mal zwei Stufen überspringen oder eine zurückgehen kann – und vor allem Ansagen, auf die sich die Menschen verlassen können.

Was meinen Sie? Schreiben Sie an leserbriefe@abendblatt.de. Die Debatte ist eröffnet.