Meinung
Leitartikel

Kinder und Corona: Wir hätten uns ein Problem sparen können

| Lesedauer: 4 Minuten
Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Lars Haider ist Chefredakteur des Hamburger Abendblatts.

Foto: Andreas Laible / HA

Können Kinder das Virus gar nicht übertragen? Ein UKE-Forscher stellt die Politik vor große Fragen. Ein Kommentar.

Wenn das Universitätsklinikum Eppendorf in einer Pressekonferenz einen Experten präsentiert, der mehr oder weniger eindringlich die baldige Öffnung von Kitas und Schulen fordert, lässt das natürlich alle Eltern in Hamburg auf­horchen.

Der Mann, der es für sinnvoll hält, „Coronainfektionen bei Kindern und Jugendlichen zuzulassen“, ist dabei nicht irgendwer: Ansgar Lohse ist im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung mit dem Berliner Virologen Christian Drosten und anderen für neu auftretende Viruserkrankungen zuständig, und er hat sich in dieser Funktion auch mit der Rolle von jüngeren Menschen in der aktuellen Epidemie beschäftigt.

Ursprünglich waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche wie bei der Influenza auch bei Corona starke Überträger des Virus sein könnten. Bei der echten Grippe bestehen keine Zweifel daran, dass sie sehr viel über Kita-Kinder und Schüler verbreitet wird. Es gibt nicht wenige Mediziner, die glauben, dass man die Influenza am effektivsten dann stoppen könnte, wenn sich diese Gruppe impfen lassen würde.

Kinder erkranken kaum am Coronavirus

Bei Corona dagegen liegen bisher keine Erkenntnisse vor, dass Kinder und Jugendliche starke oder überhaupt Überträger des Virus sind. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat festgestellt, dass Menschen zwischen 0 und 19 Jahren selten von dem Virus betroffen seien. Untersuchungen aus China ließen den Rückschluss zu, dass Kinder vor allem von Erwachsenen angesteckt werden, umgekehrt aber selbst kaum Überträger sind.

Das ist auch das Ergebnis einer aktuellen Studie über einen neun Jahre alten Jungen, der sich, ohne es zu merken, mit Corona angesteckt und unter anderem an drei Skikursen teilgenommen hatte. Die Gesundheitsbehörden machten nach Bekanntwerden der Infektion 172 Personen aus, mit denen der Junge Kontakt gehabt hatte – nicht eine wurde positiv getestet. In Island gab es bei einer Untersuchung von 13.000 Menschen bei Kindern unter zehn Jahren ebenfalls keinen einzigen positiven Befund.

Überhaupt ist die Altersverteilung bei den Coronainfektionen „beeindruckend“, um Lohse zu zitieren, weil das Virus, aus welchem Grund auch immer, Kinder gar nicht, oder wenn, dann sehr mild, oft ohne Symptome, „erkranken“ lässt. Aber reichen diese Erkenntnisse schon, um zum Beispiel Kitas wieder zu öffnen, was in Hamburg für Zehntausende Eltern eine große Erleichterung wäre?

UKE liefert dreifache Vorlage

Diese Frage muss die Politik beantworten, aber das UKE in Form von Ansgar Lohse hat eine dreifache Vorlage geliefert. Erstens, weil der Mediziner auf die oben genannten Fakten aufmerksam gemacht hat. Zweitens, weil er darauf hinwies, dass es für die Bekämpfung einer Epidemie gar nicht nötig sei, dass jedes Land und jede Gemeinde zu jeder Zeit in Deutschland das Gleiche mache. Und drittens, weil er offen über die Akzeptanzprobleme von Impfungen gerade bei jüngeren Menschen und deren Eltern sprach – Stichwort Masern.

Soll heißen: Ob sich junge Menschen in dem Wissen, dass sie von Corona kaum betroffen sind, im Falle eines Falles überhaupt impfen lassen würden, ist nicht sicher. Wahrscheinlich hat Karl Lauterbach recht. Der Gesundheitsexperte der SPD hält es für einen schwerwiegenden Fehler, dass nicht schon vor Wochen in Deutschland wissenschaftliche Studien gestartet worden sind, inwiefern Kinder das Virus übertragen.

In Hamburg etwa gab es Überlegungen, 10.000 Kinder auf dem Heiligengeistfeld zu testen. Wäre das passiert, hätten wir jetzt vielleicht eindeutige Ergebnisse – und im Zweifel ein großes Problem weniger.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum, und halten Sie mindestens 1,50 Meter Abstand zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an Ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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