Meinung
Leitartikel

Coronavirus: Wir waren gewarnt!

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken ist stellvertretender Chefredakteur des Abendblatts.

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Foto: Reto Klar

Schon im Jahr 2012 sagte eine Bundestagsdrucksache eine Pandemie voraus. Welche Fehler in Deutschland gemacht wurden.

Hamburg. Bundestagsdrucksachen haben nur selten das Zeug dazu, Lesestoff für Millionen zu werden. Bei der Drucksache 17/12051 ist das anders. In dieser Risikoanalyse von 2012 unterrichtet die Bundesregierung über hypothetische Gefahren für die Bürger. Was dort unter dem Thema „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ zu lesen ist, wirkt wie das Drehbuch für die Pandemie unserer Tage: Unter fachlicher Federführung des Robert-Koch-Instituts wurde vor gut sieben Jahren das Szenario einer außergewöhnlichen Seuche beschrieben, die ein neuartiger Erreger auslöst.

In der Drucksache heißt es: „Ein aktuelles Beispiel für einen neu auftretenden Erreger ist ein Coronavirus.“ Das Szenario beschreibt eine von einem asiatischen Wildtiermarkt ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen Virus, welches den Namen Modi-Sars-Virus erhält. Es habe eine Inkubationszeit von drei bis fünf Tagen, mitunter bis zu 14 Tagen, die Symptome seien Husten und Fieber.

Während junge Leute kaum erkranken, sind Ältere besonders betroffen und müssen ins Krankenhaus. Das Virus ist leicht über Tröpfcheninfektion zu übertragen, es gibt weder Medikamente noch einen Impfstoff. Der Staat reagiert mit Schulschließungen und der Absage von Großveranstaltungen ...

UKE-Therapeuten zu Langzeitfolgen der Coronakrise
UKE-Therapeuten zu Langzeitfolgen der Coronakrise

Selten war die Lektüre einer Bundestagsdrucksache so erschütternd. Immerhin in einem Punkt lagen die Prognostiker falsch – sie gingen von einer Letalität von zehn Prozent aus. Jeder zehnte Infizierte wäre demnach gestorben. Bislang ist die Tödlichkeit des Coronavirus nur ein Zehntel so groß.

Corona: Der kapitale Fehler von Heiko Maas

Wir waren gewarnt – gerade auch, weil Einrichtungen wie das Robert-Koch-Institut hervorragende Arbeit leisten. Leider aber halten wir uns zu wenig an die Drehbücher – oder sie werden nicht gelesen. Anders ist es nicht zu verstehen, warum bis weit in den Februar hinein aus den besonders betroffenen Gebieten wie dem Iran oder China Direktflüge unkontrolliert Infizierte ins Land bringen konnten.

Während in Italien schon konsequent kontrolliert und Fieber gemessen wurde, geschah hierzulande nichts. Unverständlich ist auch, warum Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) im Februar gleich zwei große Hilfslieferungen nach China schickte – 14 Tonnen mit Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Sprühgeräten, die erst in Italien und nun in Deutschland fehlten.

Finanzsenator: So funktioniert der Hamburger Schutzschirm

Hinterher ist man immer klüger, das gilt in der Politik wie in den Medien. Das erklärt Fehler, macht sie aber nicht ungeschehen. Zumal die Fehlerkette noch nicht am Ende ist. Auch wenn Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen guten Job machen – Kritik bleibt erlaubt.

So wirkt es grotesk, dass Datenschützer über Tracking-Apps nölen, die in Südkorea helfen, die Verbreitung des Virus zu bremsen. Als ob Datenschutz unser Problem ist in Zeiten, in denen Millionen zu Hause bleiben müssen und die Wirtschaft abschmiert! Oder sind Apps schlimmer als Ausgangssperren?

Corona-Warnung: Scholz-Reaktion ist seltsam

Seltsam wirkt auch, dass Olaf Scholz eine Debatte über Exit-Strategien nicht sinnvoll findet. Jede Debatte ist sinnvoll, auch die, warum nicht Mundschutzmasken endlich verbindlich werden. Auch warum die Zahl der Genesenen hierzulande nicht systematisch ermittelt wird, während die Johns-Hopkins-Universität diese Zahl für die Bundesrepublik minütlich genau ausweist, bleibt ein Mysterium. Gerade die Genesenen sind beim Wiederhochfahren der Wirtschaft besonders wichtig.

Denn es gibt noch eine Lehre aus dem Szenario von 2012: „Nachdem die erste Welle abklingt, folgen zwei weitere, schwächere Wellen, bis drei Jahre nach dem Auftreten der ersten Erkrankungen ein Impfstoff verfügbar ist.“

Es könnte also länger dauern.

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