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Olympische Spiele: Die kleine Hoffnung noch nicht aufgeben

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Björn Jensen
Björn Jensen (43) ist Sportredakteur und wird aus Tokio berichten – wenn es möglich ist.

Björn Jensen (43) ist Sportredakteur und wird aus Tokio berichten – wenn es möglich ist.

Foto: Michael Rauhe

Olympische Spiele in Tokio im Sommer sind kaum denkbar. Dennoch ist es verständlich, dass das IOC die Entscheidung aufschiebt.

Wer dieser Tage die Nachrichten verfolgt, der kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass in gut vier Monaten in Japans Hauptstadt Tokio die Olympischen Sommerspiele beginnen werden. Sicherlich ließen sich kreative Lösungen für ausgefallene Qualifikationswettkämpfe finden, und die Trainingspause, die das Team Deutschland in weiten Teilen lahmlegt, trifft, wenn auch zeitversetzt, die gesamte Sportwelt.

Aber um zu verstehen, dass es keine gute Idee sein kann, 10.500 Athletinnen und Athleten, deren Betreuerteams, Tausende Medienvertreter und Millionen Fans für 16 Wettkampftage in einem global gesehen mickrigen Abstand zum Ursprungsort der Corona-Pandemie zu versammeln, um sie anschließend wieder in aller Herren Länder zurückzuschicken, muss man kein Virologe sein.

Olympische Spiele: Absage wird herausgezögert

Dennoch greift die zum weltweiten Chor angeschwollene Kritik daran, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) an der Austragung der Sommerspiele festhält, zu kurz. Dass der Ringe-Orden mit der Entscheidung darüber, das vom 24. Juli bis 9. August geplante größte Sportereignis der Welt abzusagen, so lange wie möglich wartet, ist notwendig. Eine Deadline, bis wann eine Entscheidung gefällt werden muss, kann das IOC nicht nennen.

Bebt in Japan drei Tage vor Beginn der Spiele die Erde, werden sie auch dann noch abgesagt. Jede Spekulation über eine Verschiebung bringt die Börse in Wallung und hat damit Einfluss auf die Weltwirtschaft. Sich die kleine Hoffnung darauf, dass der Sommereinbruch, ein rasant entwickelter Impfstoff oder eine Relativierung der Mortalität dazu führen, das Virus zum beherrschbaren Gegner zu machen, mit einer verfrühten Absage zunichtezumachen wäre angesichts der Alternativen schlicht unverantwortlich.

Wirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe

Alternative eins: Absage der Spiele. Der wirtschaftliche Schaden allein für die Ausrichterstadt ginge in die Milliarden. Die ideellen und materiellen Folgen für viele Athleten, die nur einmal alle vier Jahre die Chance haben, sich auf der großen Weltbühne ein wenig im Rampenlicht zu sonnen, wären verheerend. Karrieren würden zerstört, Fördergelder vernichtet.

Nur dreimal seit Beginn der Ära Olympischer Spiele der Neuzeit 1896 fielen die Wettkämpfe aus: 1916 in Berlin, 1940 in Tokio, 1944 in London. Es brauchte also bislang einen Weltkrieg, um das IOC zur Schließung seines Schaufensters zu veranlassen.

Alternative zwei: die Verlegung der Spiele. Um einige Monate bis zum Jahresende wäre diese vertraglich möglich – und logistisch, wenn auch mit viel Mühe, umsetzbar, möglicherweise aber ohne Zuschauer. Klimatisch wäre sie sogar ein Gewinn, schließlich herrschen im November in Tokio noch angenehme 17 Grad Durchschnittstemperatur, während für den Sommer nahezu 40 Grad bei 100 Prozent Luftfeuchtigkeit vorhergesagt sind. Doch eine Garantie dafür, dass eine Durchführung im Herbst möglich wäre, wenn im Sommer die Welt unter Corona ächzt, scheint kaum denkbar.

Olympische Spiele sind keine Fußball-EM

Nahezu undenkbar ist eine Verlegung um ein oder zwei Jahre. Olympische Spiele sind keine Fußball-EM. Sie werfen die Wettkampfkalender von 33 Sportarten über den Haufen. Die Umstellung des Olympiazyklus von normalerweise vier auf nur zwei Jahre wäre für alle Beteiligten eine kaum zu bewältigende logistische Herausforderung.

Dazu kommen Restriktionen in der Gastgeberstadt. Nur ein Beispiel: In Tokio werden die Wohnungen im Olympischen Dorf, in dem die Athleten leben, im März 2021 an Privatleute verkauft oder vermietet. Es wäre also bei einer Verschiebung um ein Jahr nicht mehr nutzbar. 10.500 Athleten munter über eine Riesenstadt wie Tokio zu verteilen, das wäre logistisch und auch aus Aspekten der Sicherheit nicht umsetzbar.

Gebot der Stunde: Nachsicht und Geduld aufbringen

Bliebe die Hoffnung auf einen Ersatzausrichter. Doch nicht von ungefähr werden Olympische Spiele mit sieben Jahren Vorlaufzeit vergeben. Und das Problem, dass Tokio ein Milliardenschaden entstünde, bliebe bestehen. Deshalb ist das Gebot der Stunde, Nachsicht zu haben und Geduld aufzubringen. Auch wenn die Athletinnen und Athleten weltweit unter ihrer Trainingspause und der Ungewissheit leiden: lieber noch ein paar Wochen auf die Wunderheilung hoffen, anstatt zu voreilig eine so weitreichende Entscheidung zu treffen.

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