Meinung
Leitartikel

Kriminalität in Hamburg: Gute Zahlen, altes Problem

| Lesedauer: 3 Minuten
Christoph Heinemann
Der Autor ist Redakteur der Lokalredaktion des Abendblatts.

Der Autor ist Redakteur der Lokalredaktion des Abendblatts.

Foto: Klaus Bodig / HA

Weniger Einbrüche, weniger Raubtaten und gestohlene Autos. Die sinkenden Zahlen kommen in vielen Köpfen nicht an.

Hamburg. Eigentlich könnte es keinen besseren Anlass für einen lauten Jubelschrei in Innenbehörde und Polizeipräsidium geben: erneut weniger Einbrüche, weniger Raubtaten und gestohlene Autos – als die Kriminalitätsrate das letzte Mal derart niedrig war, trugen viele Hamburger noch Vokuhila und schauten „Das Imperium schlägt zurück“ im Kino. Allein: Auch bei Innensenator Andy Grote (SPD) dürfte die Freude über das Geschenk so kurz vor der Wahl eher beherrscht ausfallen.

Denn die guten Zahlen bedeuten keineswegs, dass Hamburg schon fest auf Kurs in Richtung einer nahezu utopisch sicheren Großstadt liegt. Und ebenso wenig, dass sich die Bürger auch sicherer fühlen. Teilweise ist das Gegenteil der Fall: Nach bundesweiten Umfragen und dem Eindruck der Verantwortlichen haben viele Bürger mehr Angst vor ausufernder Kriminalität als zu den Zeiten, als sie noch wirklich ausufernd war.

Das ist mit nüchternem Blick zunächst schade für die Frauen und Männer mit Uniform und Marke. Sie leisten in vielen Bereichen herausragende Arbeit. Zwar ist es ein bundesweiter Trend, dass die Kriminalität abnimmt – doch dass sich etwa reisende Einbrecherbanden in Deutschland anscheinend kaum noch wohlfühlen, hängt auch mit der Arbeit von Sonderkommissionen wie in Hamburg zusammen.

Bei der Aufklärungsquote allerdings gehört die Hansestadt tatsächlich im Vergleich der Bundesländer seit Langem zur Schlussgruppe der Großstädte. Dafür ist das einzige eklatante Phänomen, dass die Hamburger Beamten nicht in den Griff bekommen, die Betrügereien im Internet. Ohne diese Taten verharmlosen zu wollen: Ermittler, die anderswo einen Unterlegenheitskampf gegen Clans in „No-go-Areas“ führen, würden sich solche Probleme vermutlich wünschen. Wer getönt hat, durch Zuwanderung würde die Kriminalität in Hamburg explodieren, wird durch die neuen Zahlen ohnehin Lüge gestraft.

Die Polizisten wissen selbst am besten, dass sich Trends schnell umkehren können. Und in ihren Büros ist die Lage keineswegs so rosig, wie es die Zahlen vermuten lassen. Die technische Ausstattung ist teilweise atemberaubend aus der Zeit gefallen. Die Polizei hat Mühe, genug Beamte für Streifenfahrten aufzutreiben. Das Landeskriminalamt ist von internen Querelen, etwa der Affäre um die Soko „Cold Cases“, abgekämpft und verfügt ebenfalls nur über eine dünne Personaldecke. Nicht zuletzt birgt die Kriminalstatistik ihre eigenen Tücken, bildet eben nur Fälle ab, die auch angezeigt oder aufgedeckt worden sind. Bei der Organisierten Kriminalität etwa fehlten schlicht die Kräfte, „um im Dunkelfeld auch einmal das Licht anzumachen“, heißt es mitunter im Präsidium.

Das Sicherheitsgefühl kann hier wiederum kritisch sein. Wer nicht daran glaubt, dass die Ermittler eine Tat auch aufklären, zeigt sie kaum an. Polizeispitze und Innensenator sehen das zu Recht mit Sorge. Viel Aufwand und Geld haben sie bereits darin investiert, die Polizei sichtbarer zu machen: mit Signalfolien auf Streifenwagen, Westen für die Beamten, Plakatkampagnen. Ob es gefruchtet hat, werden erst die Ergebnisse einer groß angelegten Dunkelfeldstudie zeigen, an der im Präsidium gearbeitet wird.

Die Politik steht vor dem Kraftakt, die Polizei gleichzeitig zukunftsfähig und präsenter zu machen. Auch für die Hamburger ergeben sich Herausforderungen. Bei der Kriminalität im Internet etwa hilft der gesunde Menschenverstand, um gar nicht erst Opfer einer Straftat zu werden. Dasselbe gilt für den Umgang mit Nachrichten: achtsam zu sein, wenn manche versuchen, Angst zu schüren. Und zu unterscheiden, was Einzelfälle – und was echte Probleme sind.

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