Meinung
Leitartikel

Der Dax-Rekord ist ein Tanz auf dem Vulkan

Der DAX erklimmt ein Rekordhoch – dabei schwächelt die Konjunktur

Von André Kostolany, dem legendären Börseninvestor, stammt die schöne Weisheit: „Die ganze Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.“

Demnach muss es derzeit ziemlich viele Idioten geben. Der 22. Januar 2020 geht in die Börsengeschichte ein: Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem letzten Rekord ist der deutsche Aktienindex DAX mit 13.640 Punkten auf den höchsten Stand seiner Geschichte geklettert.

Wer auf die Konjunkturdaten blickt, reibt sich verwundert die Augen. Denn die deutsche Wirtschaft schwächelt seit Monaten und hinkt den anderen europäischen Staaten hinterher. Auch das mickrige Wachstum, das für 2020 erwartet wird, baut nicht auf Innovationen und Investitionen, sondern auf ein Plus an Arbeitstagen: Der 29. Februar und Feiertage, die aufs Wochenende fallen, erhöhen das Bruttoinlandsprodukt automatisch.

In vielen Branchen regieren Pessimismus und Zurückhaltung. Die Automobilindustrie steht nicht nur vor einem extrem schwierigen Jahr, sondern fürchtet die disruptive Veränderung ihres Geschäftsmodells. Der Wechsel zum Elek­troantrieb und zum autonomen Fahren könnte, so eine Studie, 410.000 Arbeitsplätze gefährden. Bei Motor und Getriebe entfallen in Zukunft 90 Prozent der Teile, die Wertschöpfung verschiebt sich ins Ausland zu den Herstellern von Batteriezellen. Die Zulieferer spüren längst die Mobilitätswende in ihren Bilanzen.

Ähnlich düster ist die Stimmung im Maschinenbau und der Chemieindustrie – sie ist im besonderen Maße vom Export abhängig. Und der schwächelt, seitdem Donald Trump einen Handelskonflikt nach dem anderen schürt. Wenig Hoffnung macht auch eine Bundesregierung, die ihre Kreativität im Erfinden von neuen Sozialleistungen erschöpft, sich aber kaum um das Wohlergehen der Wirtschaft in der Zukunft kümmert.

Wer sich die im DAX enthaltenen Werte anschaut, sieht, dass die Champagnerlaune nur von einem Teil der Unternehmen geteilt wird – ein Drittel der Werte notiert meilenweit von ihrem Hoch. Geschönt wird die DAX-Bilanz zudem von den Dividenden, die in die Berechnung des Börsenbarometers einfließen, sie machen allein rund 1000 Punkte aus – und relativieren den Höchststand.

Dennoch sind die Anleger, die in Aktien investieren, sicherlich keine Idioten. Im Gegensatz zu fast allen anderen Geldanlagen trotzen die Aktionäre den Nullzinsen. 41 Prozent der Deutschen setzen auf das Sparbuch, obwohl sie damit Geld verlieren, weil die Inflation höher liegt als die Erträge. Zugleich lehnen 82 Prozent ein höheres Risiko ab, um die Renditechancen zu erhöhen. Bei der Geldanlage aber, das zeigt die Vergangenheit, war es eher unklug, konservativ zu sein.

Selbst jetzt, bei Aktienständen, die einem Tanz auf dem Vulkan gleichen, dürften Unternehmenspapiere langfristig die bessere Wahl sein. Allein aufgrund der Dividendenrenditen zwischen zwei und fünf Prozent lohnen sich Aktien auch dann, wenn sie nicht weiter im Kurs steigen. Das Niedrigzinsumfeld und Aktienrückkäufe dürften die Kurse stabilisieren, wenn nicht weitertreiben.

Trotzdem haben die Bewertungen vieler Papiere nun ein Niveau erreicht, das jenseits des historischen Durchschnitts liegt. In Zeiten wachsender Konjunktursorgen und sinkender Ergebnisse bergen diese hohen Bewertungen inzwischen ein beträchtliches Risiko. Was mittel- bis langfristig klug ist, kann kurzfristig gefährlich sein. Eine andere Börsenweisheit besagt: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand verarmt.“

Übrigens: Nach dem Hoch bröckelten gestern dann auch die Kurse ab.