Meinung
Deutschstunde

Richtiges Deutsch muss nicht immer logisch sein

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Von "zuallererst" bis "zu guter Letzt". Die gültige Norm der Rechtschreibung hat ihre unvermuteten Gefahrenstellen.

Ich habe einen Fehler gemacht, und zwar einen Rechtschreibfehler, für den ich trotz aller computergesteuerten und menschlichen Kontrollinstanzen, die noch nach meinem Manuskript kommen, allein die Verantwortung übernehmen muss. Das Adverb „zuallererst“ schreibt man zusammen und nicht wie „zu allererst“ in zwei Wörtern. Ich weiß nicht, wie das Leerzeichen in das Wort geraten ist, und ich will die Schuld nicht auf die noch nicht individuell konfigurierte Autokorrektur in meinem neuen MS Word 2019 schieben (obwohl ich in der Beziehung einen bösen Verdacht hege), aber ich gebe zu, dass mir die (falsche) Schreibweise „zu allererst“ beim Durchlesen des Textes vor dem Absenden an die Redaktion durchaus logisch erschien. Doch mit Logik allein lässt sich leider die zurzeit gültige amtliche Norm der deutschen Sprache nicht erfüllen. Es kann nicht schaden, lieber einmal zu viel als zu wenig nachzuschlagen.

Das gilt umso mehr, als das Gegenteil von „zuallererst“ in drei Wörtern geschrieben wird, nämlich die adverbiale Fügung „zu guter Letzt“. Dabei taucht nur in dieser Wendung das alte Substantiv „die Letzt“ auf (mhd. Abschiedsmahl) und muss großgeschrieben werden. Das komprimierte Adverb „zuletzt“ wiederum – na, sehen Sie selbst …!

Ich werde mir trotz aller Drohungen und der anonymen Ankündigung, mir mein Auto abzufackeln, nicht verbieten lassen, den ideologischen Missbrauch des WDR-Kinderchores anzuprangern, aber ich bin natürlich für Hinweise auf Deutschfehler in der Kolumne, die erkennbar keine Tippfehler sind, überaus dankbar. Allerdings beziehen sich die meisten Hinweise nicht auf Fehler, sondern auf vermeintliche Fehler. Das macht zwar nichts und bietet Stoff für weitere Folgen der „Deutschstunde“, doch wenn ich fach- und standardsprachlich korrekt beim Schreiben die Plurale „Kommas“ und „Pronomen“ sowie das Adjektiv „grammatisch“ benutze, sendet mein Magen stets ein leichtes Kitzeln an das Gehirn, um anzudeuten, dass wieder Tausende von Leserinnen und Lesern mit einem „Ha!“ am Frühstückstisch meinen werden, den Peter Schmachthagen endlich ertappt zu haben. Der macht ja selbst Fehler!

Macht er, aber nicht hierbei. Fachsprachlich und laut Duden-Empfehlung heißt es „Kommas“, „Pronomen“ und „grammatisch“ statt „Kommata“, „Pronomina“ und „grammatikalisch“, und das bereits vor 60 Jahren beim Beginn meines Studiums. Kritisch wird die Situation jedoch, wenn mir dann, nun schon bedeutend ärgerlicher, Google und der Online-Duden unter die Nase gerieben werden. Gibt man im kostenlosen Online-Duden den Suchbegriff „Kommata“ ein, erscheint als Antwort „Plural von Komma“. Das ist zwar richtig, aber veraltet. Sie hätten das Stichwort „Komma“ aufrufen müssen. Geben Sie den Namen „Caesar“ ein, bekommen Sie als Antwort „Herrscher in Rom“. Das war auch richtig, jedoch ­vor mehr als 2000 Jahren. Ich hoffe, in Zukunft wird mein Magen nicht mehr kitzeln, wenn ich Richtiges schreibe, was nur scheinbar falsch ist.

Noch eine Bitte: Bevor Sie mit dem Duden drohen, stellen Sie sicher, dass Sie an der richtigen Stelle nachgeschlagen haben. Das ist bei Pluralen von Fachbegriffen nicht immer einfach. Was bedeutet „Tempi“? Den Plural von „Tempus“, also die „Tempi“ des Verbs? Nein, „Tempi“ ist der Plural von „Tempo“ und bedeutet hier das messbare musikalische Zeitmaß („Der Dirigent nahm die Tempi ein wenig zurück“). Die Zeitform des Verbs bezeichnet man hingegen als „das Tempus“, wovon der Plural „die Tempora“ lautet. Besonders diffizil wird es bei „der Kasus“ (der Fall), dessen Plural „die Kasus“ heißt. In der Schreibweise ist kein Unterschied zu erkennen, nur bei der Aussprache: Der Plural „die Kasus“ wird mit einem ganz langen „u“ gesprochen. Diese Pluralbildung lehnt sich an die lateinische u-Deklination an.

Zum Schluss in aller Kürze diese Bemerkung: Es war kein Vergehen am Gedenken an Jan Fedder, wenn das Abendblatt die Schlagzeile in der Schreibweise wählte: „Hamburg sagt Tschüs“. „Tschüs sagen“ wird mit großem „T“ und wurde schon immer mit einfachem Schluss-s geschrieben. Ich werde das demnächst zum wiederholten Male in der „Hamburgisch“-Rubrik erklären.

deutschstunde@t-online.de