Meinung
Zwischenruf

Die gute Tat auf der Hafenfähre

Iris Mydlach ist stellvertrende Leiterin des Hamburg-Ressorts.

Iris Mydlach ist stellvertrende Leiterin des Hamburg-Ressorts.

Foto: HA

Vom Sehen kenne ich den Mann, wahrscheinlich hat ihn hier jeder schon einmal gesehen, im Winter sind es ja oft dieselben Gesichter. Die Pendler. Aber dieser Mann pendelt nicht. Er hat lange, zottelige Haare und hängende Schultern, sein beigefarbener Mantel hat schon bessere Tage gesehen. Und immer ist er der Letzte. Betritt die Fähre erst, wenn sie kurz vor dem Ablegen ist, dann sucht er sich schlurfend einen Platz. Neulich ist die Frau, die hinter ihm saß, einfach wortlos wieder aufgestanden.

Am Freitag ist die Fähre fast leer. Sie legt ab, die Lichter der Landungsbrücken ziehen vorbei, da steht ein Mann auf und geht auf den Landstreicher zu. Er hat ein Bier in der Hand und in der anderen einen Schein, er legt ihn auf den Tisch. „Hier, das ist für Sie, vielleicht können Sie das ja gebrauchen“, sagt er leise.

Der Landstreicher schaut auf. Er schaut dem Mann direkt in die Augen, zum ersten Mal sieht man sein Gesicht. Dann schaut er auf den Schein und schüttelt den Kopf, „das ist ja was“, sagt er. Der Mann mit der Bierdose will wieder gehen, aber der Landstreicher sagt: „Setz dich doch, ich möchte dir was erklären.“

Und weil ich direkt neben den beiden Männern sitze, höre ich alles mit. Wie der Landstreicher von der Grundsicherung erzählt, die er im Dezember vergaß zu beantragen, und dass er jetzt im Januar keinen Cent zum Leben habe. Er erzählt das ganz ruhig und klar, und der Mann, der ihm gegenübersitzt, hört einfach nur zu. „Aber das ist doch schön, dann hilft dir das vielleicht ein paar Tage“, sagt er. Der Landstreicher schüttelt den Kopf. „Nein, das reicht noch viel länger. Ich brauch doch nicht viel. Das reicht mir bis zum Ende des Monats.“