Meinung
Sportplatz-Kolumne

Drei große Turniere in 13 Monaten – ein Wahnsinn

Abendblatt-Kolumnist Martin Schwalb spielte 193-mal für die Nationalmannschaft.

Abendblatt-Kolumnist Martin Schwalb spielte 193-mal für die Nationalmannschaft.

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Der Hamburger Erfolgstrainer Martin Schwalb über die Handball-EM und die Medaillenchancen der deutschen Mannschaft.

Es sind die Festtage des Handballs, Turniere wie jetzt diese Europameisterschaft, die am Donnerstag mit dem erwarteten Auftaktsieg der Nationalmannschaft gegen die Niederlande im norwegischen Trondheim begann. Alle deutschen EM-Spiele werden bei ARD und ZDF live übertragen, alle übrigen Spiele auf anderen Fernsehsendern oder im Live­stream. Januar ist Handballmonat. Darauf freue ich mich!

Bis zu neun Matches in 17 Tagen für die vier Halbfinalisten dieser EM sind allerdings ein Wahnsinn – und der hat im Handball leider Methode. Mit der EM, den Olympischen Sommerspielen im Juli/August in Tokio und der WM im Januar 2021 in Ägypten stehen innerhalb von nur 13 Monaten neben dem kräftezehrenden Ligabetrieb drei absolute Highlights an. Keine Sportart treibt mit den Körpern ihrer Aktiven derartigen Schindluder wie der moderne Handball.

Und als ob das nicht alles schon genug wäre, wird diese EM auch noch in Norwegen, Schweden und Österreich ausgetragen, was zu zusätzlichen Reisestrapazen führt und die Regeneration der Spieler erschwert. Schafft die deutsche Mannschaft den Wurf ins Halbfinale nach Stockholm, wovon ich nach der Turnierauslosung ausgehe, wird sie zwischen Trondheim, Wien, wo die Hauptrunde gespielt wird, und der schwedischen Hauptstadt rund 6000 Kilometer im Flugzeug zurückgelegt haben.

Anders mag eine EM mit 24 Mannschaften in drei nach Einwohnerzahl kleineren Ländern möglicherweise nicht zu organisieren sein. Die Aufstockung von 16 auf 24 Teams sehen ohnehin viele Fans, Trainer und Spieler kritisch, ich halte sie zumindest für ein interessantes Experiment. Erst nach Auswertung des Turniers lässt sich über Sinn oder Unsinn ein fundiertes Urteil fällen. Das Argument, dass auch mal andere als die üblichen Nationen bei einer Europameisterschaft mitwerfen sollen, kann ich nachvollziehen.

Natürlich wird diese EM nicht die Qualität früherer kleinerer Turniere haben, als die Europameisterschaft in ihrer sportlichen Wertigkeit noch über der WM und den Olympischen Spielen stand. Das ist schade.

Kommen wir nun zum Wesentlichen. Trotz vieler Absagen ist unsere deutsche Mannschaft auf allen Positionen überdurchschnittlich besetzt. Das Tor hüten mit Andreas Wolff (28) und unserem ehemaligen HSV-Torwart Johannes „Jogi“ Bitter (37) zwei Weltklasseleute. „Jogis“ Auftritte in der Bundesliga für Stuttgart, seine Ausstrahlung und Dynamik haben mich in dieser Saison begeistert. Er war nie besser. Weltklasse bieten wir mit Kapitän Uwe Gensheimer (links) und Tobias Reichmann (rechts) auch auf den Außenpositionen; das sind zwei filigrane Techniker, die schnelle Gegenstöße konsequent abschließen. Die Abwehr steht, dem Rückraum mangelt es links wie rechts nicht an Wurfgewalt; allein die Position des Spielmachers könnte nach den Verletzungsausfällen nicht den Ansprüchen eines Medaillenkandidaten genügen.

Olympiasieger und Weltmeister Dänemark, WM-Finalist Norwegen, der Grand-Handball-
Nation Frankreich und Titelverteidiger Spanien, unserem Vorrundengegner, traue ich daher eher den Titelgewinn zu. Für eine Überraschung wie beim EM-Sieg vor vier Jahren ist unser Team aber allemal gut genug.

Hinzu kommt, dass Bundestrainer Christian Prokop (41) bei seinem dritten Turnier seine Rolle im Gesamtgebilde Nationalmannschaft gefunden zu haben scheint. Aus den Pleiten, Pech und Pannen der EM 2018 in Kroatien mit einem enttäuschenden Platz neun hat Prokop richtige Schlüsse gezogen. Er kommu­niziert inzwischen konstruktiv mit dem Team, vertraut seinen Spielern, bezieht sie in seine Entscheidungen mit ein. Platz vier bei der Heim-WM 2019 war ein erster Schritt dieses Entwicklungsprozesses. Aber nicht nur Prokop hat sich verändert, eine Mannschaft muss sich immer auch an einen neuen Trainer gewöhnen, begreifen, worauf dieser Wert legt. Beide Seiten haben sich erfolgversprechend angenähert. Das lässt hoffen.

Der ehemalige HSV-Meistertrainer und Nationalspieler Martin Schwalb (56) ist Sportchef des HSV Hamburg (HSVH). Er kommentiert für den Bezahlsender Sky die Spiele der Handball-Bundesliga und der Handball-Champions-League.