Meinung
Kolumne Deutschstunde

Von roten und Roten Karten

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen
Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Während eine nur ein Stück Karton ist, kann die andere recht unangenehm sein. Und was ist eigentlich mit dem "neuen Jahr"?

Nein, ich werde mich heute nicht mit der Verunstaltung der deutschen Sprache durch die Lübecker Stadtverwaltung beschäftigen, die den Genderstern jetzt durch einen Doppelpunkt ersetzt hat. Wer sonst wenig zustande bringt, schafft es wenigstens, in der Stadt eines Thomas Mann oder Günter Grass amtliche Texte unlesbar zu machen. Nein, ich werde nicht auf die diesmal fünf bösen Mails eingehen, die mich wie einen dummen Jungen wegen meines Eintretens gegen die Verunglimpfung der älteren Generation mundtot machen möchten.

Doch ich will mich für die Fülle der guten Wünsche und Danksagungen zum neuen Jahr bedanken. Als jemand, der in nunmehr 612 Folgen der „Deutschstunde“ schon manchen sprachlichen Stolperstein erklärt hat, freue ich mich, dass die Wünsche zum neuen Jahr – bis auf eine Ausnahme – das „neue“ Jahr mit kleinem „n“ angesprochen haben.

Nur Unikate werden großgeschrieben

Sie wissen, dass Adjektive (Eigenschaftswörter) in der Regel kleingeschrieben werden: das neue Auto, das schöne Wetter, der alte Baum, das hohe Haus. Nur wenn die Verbindung aus Adjektiv und Sub­stantiv (Hauptwort) ein Unikat bezeichnet, also eine Verbindung für eine Sache, eine Person oder eine Bedeutung, die nur einmal vorkommt, wird das Adjektiv großgeschrieben.

Das „Hohe Haus“ mit großem „H“ misst nicht die Höhe der vielen Hochhäuser in einer Stadt, sondern ist ein Synonym (sinnverwandtes Wort) für eine bestimmte konstitutionelle oder parlamentarische Einrichtung. Wenn die Bundeskanzlerin im Bundestag sagt: „Hier in diesem Hohen Haus …“, so meint sie das deutsche Parlament und nicht die Höhe des Reichstagsgebäudes über dem Meeresspiegel.

Das neue Jahr ist kein Unikat

Ein neues Jahr ist kein Unikat und wird demnach nicht großgeschrieben. Neue Jahre gibt es immer wieder. Sie sagen ja auch nicht: Nachdem das „Alte“ Jahr zu Ende gegangen ist, sondern schreiben das alte Jahr klein. Wer nun meint, das Jahr 2020 sei ein Unikat, weil es das Jahr 2020 nur einmal geben werde, dem schlage ich folgende Formulierung vor: „Für das Jahr 2020 wünsche ich Ihnen alles Gute!“ Das Adjektiv „gut“ ist an dieser Stelle substantiviert, also zum Hauptwort gemacht worden, und Hauptwörter schreiben wir immer groß. Falls Sie in Ihren Neujahrsgrüßen unbedingt ein großes „N“ unterbringen wollen, gibt es einen Ausweg. Schreiben Sie: „Auf ein Neues im neuen Jahr!“ Das „Neue“ ist eine Substantivierung, ein Adjektiv, das zum Hauptwort geworden ist.

Ein Westfälischer Frieden – und jede Menge Schinken

Manchmal ist es gar nicht so einfach zu unterscheiden, ob es sich um ein Unikat handelt oder nicht. Eine rote Karte ist zu allererst einmal ein Stück Karton, das rot ist. Wenn der Schiedsrichter aber Mats Hummels die „Rote Karte“ vor die Nase hält, bekommt der Karton eine ganz spezielle, als Spielregel einmalige Bedeutung: Der Spieler wird des Feldes verwiesen.

Das ist wie beim „westfälischen“ Schinken, der tausendfach in den Supermärkten ausliegt, und beim „Westfälischen Frieden“, der ein einmaliges, bestimmtes Ereignis des Jahres 1648 war und einen bestimmten Krieg beendete, nämlich den „Dreißigjährigen Krieg“ mit großem „D“. Übrigens: „Holsteiner“ Katenschinken schreibt man nicht groß, weil es sich um ein Unikat handelt, sondern weil geografische Bezeichnungen auf -er immer großgeschrieben werden.

Stubenfliegen ohne besondere Eigenschaften

Dem Hamburger Senat sitzt der „erste“ Bürgermeister vor. Oder der „Erste“ Bürgermeister? Hier werden die einzelnen Bürgermeister nicht historisch oder chronologisch durchgezählt, sondern „der Erste“ bedeutet einen Titel für jemanden, der an der Spitze steht. Adjektive oder Zahlwörter als Titel werden großgeschrieben. Und wenn die Zweite Bürgermeisterin Erste Bürgermeisterin werden will, so bewegen wir uns zwar noch im Bereich der politischen Speku­lationen, aber mit Sicherheit korrekt unter den Versalien (Großbuchstaben).

An dieser Stelle erwarte ich stets den Einwand, dass die „Gemeine Stubenfliege“ großgeschrieben werden soll, obwohl es zig Tausende davon gibt, es sich also um kein Unikat handeln könne. Unikat ist hier nicht die einzelne gemeine Fliege, die auf meiner Nase landet und penetrant über den Bildschirm krabbelt, sondern die Art „Gemeine Stubenfliege“. „Gemein“ bedeutet hier nicht „unanständig“, sondern „keine besonderen Merkmale habend“.

deutschstunde@t-online.de

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