Meinung
Leitartikel

Hauptbahnhof-Pläne: Ein Tunnel in die Zukunft

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik.

Andreas Dey ist Redakteur im Ressort Landespolitik.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Der Vorstoß, die S-Bahn unter den Hamburger Hauptbahnhof zu verlegen, ist eine Prüfung wert.

Hamburg. Manch einer hielt das wohl für einen schlechten Scherz, als Enak Ferlemann, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, überraschend einen neuen Bahntunnel für Hamburg ins Gespräch brachte. Ob Berliner Flughafen, „Stuttgart 21“, Elbphilharmonie (die immerhin zum Glück doch noch vollendet wurde) oder die noch nicht einmal begonnene Fehmarnbeltquerung: Brauchen wir angesichts der Erfahrungen mit diesen fast durchweg aus dem Ruder gelaufenen Großprojekten wirklich noch ein weiteres? Noch dazu mitten in Hamburg?

Die Antwort ist: Ja, brauchen wir. Wir sollten es zumindest prüfen.

Wer sich die Verkehrssituation in Deutschland insgesamt und in Hamburg im Speziellen anschaut, kann ja nicht die Augen davor verschließen, dass wir vor einem großen Problem stehen: Hangelten sich unsere Straßen früher nur von Infarkt zu Infarkt, verlassen sie heute die Intensivstation gar nicht mehr. Insbesondere Hamburg ist an den meisten Werktagen im Jahr ein einziger Dauerstau. Es führt daher kein Weg daran vorbei, massiv Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern – und aufs Rad, nur am Rande bemerkt.

Hauptbahnhof platzt aus allen Nähten

Auch das Erreichen unserer Klimaschutzziele ist ohne eine solche Verkehrswende, zu der auch das politisch geförderte Umsteigen von Kurzstreckenfliegern auf die Bahn gehört, nicht möglich – wobei es hierbei um eine noch viel existenziellere Frage geht.

Doch wer in Hamburg Verkehr auf die Schiene verlagern will, stößt auf zwei andere Probleme: Erstens sind viele
U- und S-Bahnen und Nahverkehrszüge bereits heute hoffnungslos überfüllt. Das ist allerdings ein lösbares Problem. Die „Angebotsoffensive“, deren zweite Stufe der Senat am Sonntag gezündet hat, dürfte durch mehr und längere Züge und eine engere Taktung auch für Busse und Fähren für Abhilfe sorgen – zumal etliche weitere Stufen geplant sind. Langfristig werden neue Linien wie S 4, S 32 oder U 5 die Kapazitäten hoffentlich auf das notwendige Maß erweitern.

Das zweite Problem ist komplizierter: Der Hamburger Hauptbahnhof, in dem alle U- und S-Bahn-Linien zusammenlaufen und sich dort mit dem Regional- und Fernverkehr kreuzen, platzt aus allen Nähten. Wer regelmäßig morgens um 8 Uhr oder abends um 18 Uhr dort umsteigen muss, weiß: Dieser Bahnhof verträgt nicht einen Fahrgast mehr.

Wissenswertes zu den S-Bahn-Linien in Hamburg:

  • Die S-Bahn gehört zum schienengebundenen Nahverkehr in Hamburg und Umland
  • Sie wurde 1907 in Betrieb genommen
  • Es gibt in Hamburg vier S-Bahn-Linien (S1, S21, S3, S31) plus zwei Verstärkerlinien (S11, S2)
  • Das gesamte S-Bahn-Streckennetz umfasst rund 144 Kilometer und 68 Haltestellen
  • Die meisten Haltestellen der S-Bahn in Hamburg haben ein funktionsbetontes Design mit offenem Bahnsteig und offenem Flachdach

Hamburg sollte eine finanzielle Schmerzgrenze haben

Zwar arbeiten Stadt und Bahn an einer Erweiterung nach Süden, doch kann das ebenso wenig der große Wurf sein wie kleinere Entlastungen durch Einzelprojekte, etwa die S 4 oder der Bahnhof Elbbrücken, der auch als Bypass für den Hauptbahnhof fungieren kann. Ein neuer Tunnel, der den S-Bahn-Verkehr komplett unter die Erde verlegt und Platz für den Nahverkehr schafft – der könnte dagegen ein solch großer Wurf sein. Betonung auf „könnte“.

Denn natürlich muss zunächst einmal gründlich geprüft werden, ob das Projekt überhaupt machbar ist – das ist angesichts des Gewirrs aus Bahntunneln und Bunkern mit meterdicken Betonwänden unter dem Bahnhof nämlich gar nicht sicher. Zweitens muss die Kostenfrage geklärt werden: Der verkehrliche Nutzen ist zwar kalkulierbar, aber wie viele Milliarden Euro ist er uns wert? Da gibt es natürlich eine Schmerzgrenze – auch wenn das Geld ganz überwiegend vom Bund käme. Sind ja auch unsere Steuern. Am Ende muss man gegebenenfalls auch den Mut aufbringen zu sagen: Wir machen es nicht.

Angst vor der Größe der Aufgabe kann hingegen kein Argument sein. Unsere Vorfahren haben vor mehr als 100 Jahren ein ganzes U-Bahn-Netz gebaut, haben zwei Elbtunnel und einen Citytunnel gebohrt – unter weitaus schwierigeren Bedingungen. Heutzutage so einen Tunnel nicht zu bauen, nur aus Sorge, es nicht hinzubekommen, wäre Flucht vor der Verantwortung.