Meinung
Zwischenruf

Diagnose Wackelzahn

Abendblatt-Redakteurin Bettina Mittelacher

Abendblatt-Redakteurin Bettina Mittelacher

Foto: Andreas Laible / HA

In der Hamburger S-Bahn: Wie eine Gruppe Kinder für einen Moment die Aufmerksamkeit aller eroberte.

Gesenkte Köpfe, überall. Jeder, der an diesem Nachmittag im Waggon der S-Bahn sitzt, scheint in sein Smartphone vertieft, unempfänglich für die Dinge um ihn herum. Die Welt, hineingepresst in einen kleinen Bildschirm, ist sie fesselnder als die Umgebung?

Weit gefehlt. Denn an der nächsten Station kommt Leben in die starre Umgebung. Und erfrischender Lärm. Zwei Gruppen mit Kindern haben den Waggon gekapert. Ich sehe mich um. Die eine Truppe, offenbar Zwei- und Dreijährige und alle eingemummelt in dicken Jacken und rustikalen Stiefeln, scheint einen Wettbewerb ausgerufen zu haben, wer die schlammverkrustetsten Schuhe hat. „Guck mal, meine“, ruft ein Knirps und präsentiert stolz seine Treter, die wohl mal grün gewesen sein mögen.

Der Geruch der Gummistiefel – von innen

„Meine sind viel besser“, triumphiert ein Mädchen. Wie zum Beweis hat es einen seiner offenbar ehemals pinkfarbenen Gummistiefel ausgezogen und seiner Sitznachbarin unter die Nase gehalten.

Die zweite Kindergruppe hat andere Prioritäten. Die geschätzt Sechs- und Siebenjährigen zeigen Zähne. „Ich habe zwei Wackelzähne“, verkündet einer stolz. „Ich habe sogar drei“, überbietet ein anderer. Alles ruft durcheinander. Mir war entfallen, dass Wackelzähne ein so erschöpfendes Thema sein können.

Auch der Herr schräg gegenüber scheint beeindruckt. Gedankenverloren führt der Mittsiebziger seine Hand an den Mund. Vielleicht überlegt er, ob es mal wieder Zeit für einen Besuch beim Dentisten wäre. Diagnose: Wackelzahn.