Meinung
Deutschstunde

"Mama, was ist eigentlich ein Pferd?"

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Um Wörter zu erklären, benötigen wir die Semantik. Was kann ein Hengst, das ein Wallach nicht kann?

Kinder können ihren Eltern, wie man so sagt, Löcher in den Bauch fragen. Elisa steht mit ihrer Mutter zusammen mit anderen Besuchern an einer Pferdekoppel, und man merkt, dass die Fünfjährige sich mit dem bloßen Betrachten der Tiere nicht zufriedengeben wird. In ihr arbeitet es. Ihr kleines Gehirn drängt nach Wissen. Sie zeigt auf ein Fohlen. „Mama, ist das kleine Tier da auch ein Pferd?“ „Ja, ein Fohlen, das Kind vom Pferd.“ „Hat das Fohlen einen Vater?“ Die Mutter seufzt: „Ja, den Hengst.“ „Was ist ein Hengst?“ „Ein Hengst ist ein männliches Pferd.“ So will Elisa alles, was sie sieht, mit einem passenden Begriff erklärt haben. Die Mutter bemüht sich, für Stute, Schimmel, Rappe und Pony möglichst einfache Erklärungen zu finden. Erst als Elisa aus der Unterhaltung zweier Züchter neben ihr das Wort „Wallach“ aufschnappt, passt die Mutter: „Das erkläre ich dir, wenn du groß bist.“ Für erwachsene Großstädter darf ich die Anmerkung einfügen, dass ein Wallach ein kastrierter Hengst ist, der fürderhin nicht mehr kann, was ein Hengst zur Erhaltung der Art tun müsste.

Wie erklärt man die Bedeutung von Wörtern? Dafür gibt es die Bedeutungslehre, fachsprachlich Semantik genannt. Wie definiert man also den Unterschied zwischen einem Hengst und einem Wallach? Ein einfaches Synonym (bedeutungsähnlicher Begriff) wie „ein Pferd“ reicht nicht. Pferde sind sie beide. Also ergänzen wir jeweils das Geschlecht: „ein männliches Pferd“. Damit sind zwar alle Stuten ausgeschlossen, doch „männlich“ trifft wiederum auf beide zu. Deshalb sollten wird den Hengst als „zeugungsfähiges männliches Pferd“, den Wallach aber als „kastrierten Hengst“ bezeichnen. Damit haben wir die Erklärung in kleine, bedeutungsrelevante Spracheinheiten zerlegt. Die kleinste bedeutungstragende Einheit bei der Definition eines Wortes nennt man ein Sem (daher „Semantik“). Die Seme bieten die Möglichkeit, die Bedeutung präzise zu bestimmen. Sie haben in Bezug auf die Semantik je nach Definition ein unterschiedliches Gewicht. „Pferd“ und „männlich“ unterscheiden nicht genug, aber „zeugungsfähig“ oder „kastriert“ bilden den charakteristischen Unterschied zwischen den Begriffen „Hengst“ und „Wallach“, und damit wird es die Mutter ihrer Tochter auch erklären, wenn sie größer geworden ist.

Das Schwierige bei der Definition von Wörtern ist, dass sie fast immer mit anderen Wörtern erklärt werden. Ich höre Elisa schon krähen: „Mama, und was ist ein Pferd?“ Ein Säugetier? Sicherlich, aber damit haben wir nahezu das gesamte Tierreich von Alfred Brehm erfasst. Ein Haustier? Auf einem Bilderbuch-Bauernhof laufen auch Hühner, Kühe und Katzen herum. Ein Reittier? Reiten kann man auch auf einem Kamel. Ein Paarhufer? Zu dieser Ordnung zählen auch Rinder, Ziegen, Schweine und sogar Giraffen und Antilopen. Wir benötigen also mehr als ein Sem, um eindeutig zu beschreiben, was ein Pferd ist. Schauen wir ins Universalwörterbuch. Dort wird das Stichwort „Pferd“ folgendermaßen definiert: „Als Reit- und Zugtier gehaltenes hochbeiniges Säugetier mit Hufen, meist glattem, kurzem Fell, länglichem, großem Kopf, einer Mähne und langhaarigem Schwanz.“ Die Abgrenzung zu dem übrigen Getier der Arche Noah ist erschöpfend und eindeutig.

An welches Sem denken Sie, wenn Sie das Wort „Schaf“ hören? „Nutztier“, „liefert Milch“, „hat vier Mägen“ oder „lebt in Herden“ führt nicht weiter. Allerdings würde das Sem „liefert Wolle“ oder „wird geschoren“ den Kreis der Verdächtigen entscheidend eingrenzen. In der Linguistik (in der modernen Sprachwissenschaft) geht man davon aus, dass bestimmte Seme für einen Begriff prototypisch sind, während andere eine untergeordnete Bedeutung haben. Das ist beim Schaf die Wolle sowie beim Vogel „kann fliegen“ und weniger „hat Federn“. Wenn Sie die Wörter „Pinguin“ oder „Strauß“ hören, denken Sie wahrscheinlich nicht an das Fliegen der Vögel, sondern an das Watscheln oder Laufen dieser Exemplare.

Die Semantik ist auch bei der Stilistik eine filigrane Angelegenheit. Zwischen den Verben „überprüfen“ und „prüfen“ besteht beim Bezug auf die Person durchaus ein semantischer Unterschied, und ich nehme mir als Autor das Recht, meine Texte selbst zu formulieren und mir die Wortwahl nicht von pensionierten Oberlehrern vorschreiben zu lassen.